Afghanische Hindus in Deutschland:

Religionsausübung zwischen Integrationsbemühung und Angst vor Abschiebung

Von Prof. Dr. phil. Dr. theol. Manfred Hutter
Institut für Orient- und Asienwissenschaften
Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn
(Vortrag vom 24.06.2005)

Historische Wurzeln: Hindus in Afghanistan

Die Islamische Republik Afghanistan hat derzeit ca. 28.700.000 Einwohner, wobei mindestens 99% Muslime sind (84% Sunniten, 15% Schiiten). Alle anderen religiösen Gruppen sowie Personen ohne Religionszugehörigkeit machen heute weniger als ein Prozent der Bevölkerung aus. Schätzungen entsprechend dürften im Jahr 2003 höchstens 3000 Hindu- bzw. Sikh-Familien in Afghanistan gelebt haben, Auch wenn diese geringe Zahl von Hindus und Sikhs in Afghanistan heute vor allem durch die politischen und militärischen Auseinadersetzungen in Afghanistan seit dem Einmarsch der Armee der Sowjetunion im Dezember 1979 bedingt ist, hat Afghanistan nie zu den Kernländern des Hinduismus gehört. Denn in vorislamischer Zeit war der Westen Afghanistans durch iranischen / zoroastrischen Einfluss bis ins 7./8.Jh. charakterisiert, der dann vom Islam abgelöst wurde, der Osten und Nordosten waren – über NW-Indian und Pakistan durch Buddhismus und andere religiöse Vorstellungen indischer Provenienz gekennzeichnet. – Während der letzten zwei bis drei Jahrhunderte hat der Hinduismus in Afghanistan wiederum Fuß gefasst, v.a. durch Immigranten aus dem Punjab (heute sowohl Indien als auch Pakistan), wobei die meisten Neuankömmlinge im Gewerbesektor (kleinere Geschäfte und Stoffläden) tätig waren. Als kleine Gemeinschaft innerhalb der islamischen Umgebung entfalteten sie jedoch eine enge gemeindebezogene Infrastruktur mit einem Netzwerk von Verbindungen (bis Indien), wobei bis 1992 die wirtschaftliche Bedeutung der Hindus in Afghanistan ungleich größer war als der prozentuale Anteil an der Bevölkerung erwarten ließ. Denn insgesamt betrug die Zahl der Hindus zu Beginn der 1990er Jahre ca. 50.000, die v.a. in Kabul, aber auch in anderen Städten wie Jalalabad, Lgaman oder Kandahar wohnten. Die Sikhs wohnten in größerer Zahl auch in Jalalabad (HindToday 1994, 3)
Einen entscheidenden Einschnitt in die Geschichte des Hinduismus in Afghanistan stellt die Machtübernahme der Mujaheddin im Jahr 1992 dar, die – anders als die Vorgängerregierung nach dem Rückzug der Sowjetarmee – die Hindus / Inder / Sikhs zu verfolgen begann, was seit 1996 durch das Taliban-Regime verschärft wurde. Als Konsequenz haben dabei in den 1990er Jahren bis auf wenige alle Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft das Land verlassen, als Flüchtlinge über Pakistan nach Indien, aber auch weiter in die Vereinigten Staaten, Großbritannien, die Niederlande sowie nach Deutschland. Rund 6000 afghanische Hindus leben derzeit in Deutschland, rund 60% sind gut integriert und haben auch die Staatsbürgerschaft hier erworben.



Geschichte und Verbreitung in Deutschland

Vereinzelt kamen afghanische Hindus bereits in den 1970er Jahren zu Studienzwecken nach Deutschland, allerdings rückten erst die politischen und militärischen Geschehnisse in Afghanistan Deutschland als Fluchtland in den Blick. Für die ersten Flüchtlinge jener Zeit war charakteristisch, dass sie nur sporadischen privaten Kontakt zueinander hatte, was ein Fußfassen in Deutschland nicht unbedingt erleichterte, da die Zahl sehr klein war und eine entsprechende „Infrastruktur“ noch nicht vorhanden war. Die aus Afghanistan nach Deutschland geflohenen Hindus und Sikhs stehen nämlich ethnisch und religiös in gewisser Weise isoliert dar. Hinsichtlich der ethnischen und sprachlichen Zusammensetzung findet man unter ihnen v.a. Kandharis bzw. Multanis, eine Bezeichnung, die sich auf ihr ursprüngliches Wohngebiet in der afghanischen Stadt Kandahar bezieht, auch wenn manche vor ihrer Flucht nach Deutschland bereits in die Hauptstadt Kabul gezogen waren. Mit der Bezeichnung Multanis ist auf die Herkunft ihrer Vorfahren aus der Gegend von Multan im heutigen Pakistan Bezug genommen. Weitere ethnische wichtige Gruppen sind Sindhis und Punjabis; auch diese beiden Bezeichnungen lassen noch Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan erkennen.


Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass Hindus aus Afghanistan, die nach Deutschland kamen, keinen unmittelbaren Anschluss an andere Flüchtlinge aus Afghanistan fanden; denn einerseits bedeutete der Islam als „Mehrheitsreligion“ eine kulturelle Grenze, andererseits aber auch die Pashto-Sprache. Aber auch indische Hindus, die Ende der 198oer Jahre ebenfalls langsam in Deutschland Fuß fassten, waren kulturell – und im Falle der Tamilen auch sprachlich - zu eigenständig, als dass sich unmittelbare Beziehungen zu den afghanischen Hindus ergäben hätten. Diese Faktoren begünstigten jedoch, dass noch Ende der 80er Jahre konkrete Pläne entstanden, einen afghanischen Hindu-und Sikh-Verein zu gründen, um in der Diaspora ein gemeinsames soziales, kulturelles und religiöses Netzwerk zu entwickeln. Unterstützt wurden diese Pläne durch afghanische Hindus unterstützt, die als Studierende bereits länger in Deutschland anwesend waren.


Der erste Afghanische Hindu- und Sikh-Verein wurde 1991 in Köln von etwa 10 Familien gegründet, wobei als Motivation für diesen Zusammenschluss nicht nur im religiösen Bereich lagen, sondern auch der Erhalt der eigenen Kultur und Sprache im Zentrum der Aktivitäten stand; Gleichzeitig hatte der Kölner Verein von Beginn an das Ziel, zur Integration der Afghanen beizutragen, was sich in den Versuchen einen „doppelten“ Sprachausbildung sichtbar ist: Für ältere Afghanen wurden Deutschkurse organisiert, um diesen Personen dadurch einen Zugang zu ihrem deutschen Gastland zu ermöglichen; für junge Afghanen hingegen wurden Hindi-Sprachkurse organisiert, um auf diese Weise Sorge dafür zu tragen, dass in der Diaspora es zu keinem totalen Abbrechen der Beziehungen zur oder der Entfremdung von heimatlicher Kultur kommt. Der erste afghanische Tempel in Deutschland wurde noch 1991 in Köln (Schanzenstraße 31) eingerichtet, bei dessen Einweihung rund 1500 Personen anwesend waren. In der folgenden Zeit kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Vereins, die teilweise von der kulturellen Herkunft der Vereinsmitglieder – Kandharis bzw. Kabulis – mitbedingt waren. Bevor es zu einem endgültigen Bruch kam, fand eine Spaltung des Vereins statt; aus dem ursprünglichen Verein, der nunmehr von Kandharis (Multanis) geprägt ist, entstand die „Afghanische Hindus Gemeinde in Köln e.V.“ (Hari Om Mandir), während die Kabulis am 5. Juni 1993 den „Afghan Hindu Kultur Verein“ (Sanatan Hari Om Mandir) in Köln-Bayernthal gründeten. Beide Vereine kümmern sich – trotz gewisser Unterschiede – bis heute intensiv um die religösen und kulturellen Belange der Afghanischen Hindus und Sikhs im Großraum von Köln. Ein weiteres Zentrum im Nordrhein-Westfalen ist in Essen, wo 1992 die ersten Bemühungen von ca. 25 Personen festzustellen waren, an ihrem Wohnort ebenfalls ein religiöses Kulturzentrum zu etablieren, was mit der Einweihung des ersten Tempels am 6.11.1993 gelang; das Zentrum trägt den Namen Dharam Kendre (heute Burggrafenstraße 10), womit die Offenheit für unterschiedliche Richtungen innerhalb der Afghan Hindu- und Sikh Gemeinschaft zum Ausdruck kommt. Derzeit hat der „Kulturelle Verein Afghanischer Hindus in Essen e.V.“ rund 200 Mitglieder. Ebenfalls noch im Jahr 1991 war in Hamburg die „Afghanische Hindus Gemeinde e.V.“ gegründet worden, der es 1994 gelang, einen eigenen Tempel zu etablieren. Derzeit ist die Hamburger Gemeinde mit rund 2000 Mitgliedern die größte in Norddeutschland. In den folgenden Jahren kamen weitere Vereine hinzu, so wurden im Jahr 2002 Vereine in Frankfurt und Kassel eingerichtet, jüngst auch in München. Der Tempel in Kassel (Bunsenstraße) ist derzeit noch das kleinste Zentrum in Deutschland mit ca. 50 Familien. Der Frankfurter Tempel (Salzschlirfer Straße 12), mit dem Namen „Shree Aasamai Mandir“ zeigt einen klaren Bezug zum zentralen Tempel der Hindu-Berggöttin Aasa Mai in Kabul; auch die Frankfurter Gemeindeist als „Afghan Hindu Kulturverein“ eingeschrieben. Schließlich ist noch der „Afghan Hindu Sikh Verein e.V.“ Stuttgart zu nennen, der insofern eine gewisse Sonderstellung einnimmt, als der Tempel kein „Mandir“, sondern das Gurdwara Singh Saheb (Stamheimstraße 41) ist, d.h. dieser Verein ist hinsichtlich der religiösen Praxis stärker an Sikh-Elementen als an hinduistischen Riten orientiert.


Fasst man diesen kurzen Überblick zusammen, so sieht man zwei Schwerpunkte – nämlich einerseits Nordrhein-Westfalen mit drei Tempeln sowie Hamburg als norddeutscher Fokussierungspunkt. Teilweise sind solche lokale Schwerpunkte unter Migranten von Zufälligkeiten abhängig, d.h. wenn es einigen Migranten gelungen ist, an einem Ort Fuß zu fassen, so ziehen sie andere nach sich, weil solche „Neuankömmlinge“ dadurch einfach Anhaltspunkte finden. Allerdings ist auch zu berücksichtigen, dass Nordrhein-Westfalen eine – verglichen mit anderen Bundesländern – in den 1980er und 1990er Jahren relativ liberale Asylpolitik betrieben hat, was z.B. auch dazu geführt hat, dass sich tamilische Hindus aus Sri Lanka vorzugsweise in diesem Bundesland niedergelassen haben. Vergleichbares lässt sich auch für die offene Großstadt Hamburg beobachten. Damit kann man die Etablierung größerer Gemeinden und Tempel an diesen Orten erklären. Demgegenüber kann man die Gemeinden in Kassel, Frankfurt und München als „Sekundärgemeinden“ bezeichnen, deren Entstehung eine Folge der „Vorbildwirkung“ der älteren Tempelvereine an den anderen Orten ist. Denn der Nutzen solcher religiöser und kultureller Zentren für den Zusammenhalt und die Identitätsbewahrung hinduistischer Afghanen, aber auch als Koordinations- und Hilfestelle in Fragen der Integration der Hindus in die deutsche Gesellschaft ist nicht zu übersehen.



Die religiöse Praxis

Die verschiedenen Afghan Hindu Tempel in Deutschland sind grundsätzlich für alle Hindus und Sikhs sowie Angehörige anderer Religionsgemeinschaften als Gäste offen, wobei sonntags regelmäßig Gottesdienste stattfinden. In Verbindung mit diesen sonntäglichen Gottesdiensten ist auch die Bewirtung (langar) der Gäste zu erwähnen; um dies zu ermöglichen, haben die Tempel notwendigerweise Küchen eingerichtet, um die Teilnehmer am Gottesdienst anschließend betreuen zu können. Neben dem Sonntag spielen auch andere Tage für besondere Feiern zu Ehren einzelner Gottheiten eine Rolle; beispielsweise ist der Montag durch eine abendliche Shiva-Puja hervorgehoben und in manchen Tempeln finden am Donnerstag kirtans für Vishnu und Sai Baba (von Shirdi) statt.


Für das „religiöse Profil“ des afghanischen Hinduismus sind zunächst die in den Tempeln verehrten Götterstatuen (Murtis) aufschlussreich. Die meistern Statuen wurden durch den seit 1970 in Großbritannien wirkenden Priester Pujya Shree Rambaba für die afghanischen Tempel in Deutschland gestiftet, wobei der Priester auch mehrfach an der Einweihung der Tempel und ihrer Statuen mitgewirkt hat. Shree Rambaba, dessen spirituellen Wurzeln im Hinduismus von Gujarat (Westindien) liegen, ist in Großbritannien äußerst aktiv, um die dortigen Diaspora-Hindus allgemein zu unterstützen. – Zu den wichtigen Göttern, deren Statuen in den Tempeln zu finden sind, gehören Hanuman, Rama gemeinsam mit seinem Bruder Lakshmana und seiner Gattin Sita sowie Radha und Krishna; ferner gehören zu den Tempeln ein Shiva Lingam, Statuen von Shiva, seiner Gattin Parvati und seines Sohnes Ganesha. Damit sind zentrale Gottheiten des so genannten Vishnuismus bzw. Shivaismus genannt, die die afghanischen Hindus mit anderen Ausprägungen des nordindischen Hinduismus gemeinsam haben.


Hervorzuheben sind aber auch einige Besonderheiten. In mehreren Tempeln – z.B. in Hamburg und in Essen – findet sich auch eine Statue der Göttin Sherawali Ma, die auf einem Tiger reitet. Sherwali ist eine – ursprünglich in Gujarat beheimatete – lokale Ausprägung der shivaitischen Göttin Durga, die in dieser speziellen Form in weiten Teilen des Hinduismus nicht verehrt wird. Ein andere erwähnenswerte Statue ist das Murti von Jhule Lal im Tempel in Köln-Heumar: Die Verehrung von Jhule Lal reicht bis ins 10.Jh. zurück, wobei diese Gottheit v.a. unter Sindhi-Gemeinschaften im Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan, aber auch unter Sindhis im Ausland sehr geschätzt wird. Jhule Lal symbolisiert nicht nur die Vereinigung der Elemente Wasser und Licht, sondern er gilt auch als derjenige, der die Hindu-Gemeinde im 10.Jh. vor den Bedrohungen durch einen muslimischen Fürsten retten konnte. Als solche Heilsgestalt erfährt er nicht nur bis heute Verehrung, sondern man erwartet sich von ihm auch Unterstützung, um sowohl irdisches wie auch spirituelles Wohlergehen zu erlangen. Schließlich ist noch die Darstellung von Guru Nanak – z.B. in Köln-Heumar oder in Stuttgart – innerhalb des Hindu-Sikh-Kontextes zu erwähnen. Guru Nanak ist als Gründer der Sikh-Religion bekannt, dass er auch von manchen Hindus als zentrale religiöse Gestalt akzeptiert wird, bringt nochmals einen geographischen Aspekt zum Tragen: Die Form des afghanischen Hinduismus stehz in enger Beziehung zu jenen Lokalformen des Hinduismus, die sich im Punjab, d.h. im westindischen Bereich, der sich heute auf die Staaten Indien und Pakistan erstreckt, wiederfinden; eine scharfe Abgrenzung zwischen „Hindus“ und „Sikhs“, wie sie in religionswissenschaftlichen Kategorisierungsversuchen unternommen wird, ist in der gelebten religiösen Praxis nicht in allen Fällen zulässig. – Anhand der Murtis / Götterbilder, wie wir sie in den verschiedenen Tempeln der Afghan Hindu-Sikh Gemeinden in Deutschland finden, wird somit bereits deutlich, dass diese Form des Hinduismus nicht einfach mit anderen in Deutschland verhandenen Hinduismus-Formen gleichgesetzt werden darf, sondern sowohl Gemeinsames, als auch Eigenständiges jeweils beobachtet werden muss.


Nicht nur aus Altersgründen, sondern auch aus inhaltlichen Gründen, kann man dem Hari Om Mandir in Köln-Heumar eine besondere Stellung zuweisen. Wie erwähnt, wurde dieser Tempel bereits 1991 gegründet, wobei der heutige Tempelbau am 18.12.2004 durch die Einweihung der 17 Götterstatuen, die Pujya Shree Rambaba gestiftet hat, funktionstüchtig wurde. Die offizielle Eröffnung des Tempels fand am 21. Mai 2005 statt. Das zweigeschossige Gebäude besteht aus dem eigentlichen Tempelraum sowie dem im Untergeschoss liegenden großen Fest- und Speiseraum; weitere „Nebenräume“ dienen als Küche, als Klassenzimmer, und aus feuerschutzpolizeilichen Gründen ist auch ein weiterer Nebenraum für die Durchführung von Feueropfern notwendig. Insgesamt ist der gesamte Baukomplex dadurch geeignet, sowohl die religiösen Bedürfnisse, aber auch die kulturellen und gemeinschaftlichen Bedürfnisse, z.B. auch Feiern von Hindu-Hochzeiten, zu befriedigen. Das „Klassenzimmer“ zeigt das Bemühen der Gemeinde, durch Unterricht zur Integration und Bewahrung der eigenen Kultur beizutragen. Man kann nämlich durchaus sagen, dass die afghanischen Hindus und Sikhs im Prinzip Anteil an drei Kulturen haben – nämlich ihre afghanische „Heimatkultur“, eine indische „Religionskultur“ und eine deutsche „Gastlandkultur“. Diese drei Bereiche sind eine Besonderheit dieser ethnischen Gruppe in Deutschland, wobei den Tempeln und Vereinen sicherlich in Zukunft weiterhin die Aufgabe zukommt, sowohl zur Bewahrung des afghanischen und „indischen“ Anteils als auch zur weiteren Stärkung des deutschen Anteils beizutragen, ohne dass es zu einer Assimilation unter Aufgabe oder Vernachlässigung einer Komponente käme. Insofern hat das im Tempel eingerichtete „Klassenzimmer“ eine religiöse, aber auch gesellschaftlich wichtige Funktion. – Am Eingang zum eigentliche Tempelraum hängt eine Glocke, die von den meisten Gläubigen beim Betreten des Raums angeschlagen wird. Bei Eintritt in den Tempelraum fällt der Blick des Eintretenden zunächst auf ein Podest, auf dem während des Gottesdienstes der Priester sitzt, um aus dem religiösen Schrifttum zu rezitieren. Rechts und links dieses Podiums sind die siebzehn Murtis aufgestellt; die einzelnen Statuen sind jeweils ca. 60 cm hoch und stehen auf einem Sockel. Aus der Perspektive des Betrachters befinden sich an der linken Wandhälfte Statuen von Shiva und Parvaiti, der Shiva-Lingam, Jhule Lal, Durga, Ganesha und Sai Baba von Shirdi, an der rechten Wand sieht man Radha und Krishna, Rama und Sita, Hanuman sowie Guru Nanak.


Charakteristisch für das Hari Om Mandir ist, dass man es halb als Mandir, halb als Gurdwara verstehen kann. Dies zeigt nicht nur die eben genannte Ausstattung durch die Statuen, sondern es werden hier Sonntag für Sonntag abwechselnd Texte des Hinduismus (bevorzugt aus der Bhagavadgita) bzw. aus dem Guru Granth Sahib der Sikhs gelesen; auch die daran sich anschließenden Gesänge sind abwechselnd mehr „hinduistisch“ oder „sikhistisch“ geprägt. Diese „europäische“ Charakterisierung wird von den Gläubigen selbst nicht in einem solchen „differenzierenden“ Sinn verstanden, nicht erst im Kölner Mandir. Denn bereits in Kandahar und Kabul gab es – neben „reinen“ Mandirs bzw. „reinen“ Gurdwaras – auch je einen Tempelbau, der die religiösen Bedürfnissen der „Sikh“- wie „Hindu“-Tradition gemeinsam bediente. Dementsprechend werden in Hari Om Mandir sowohl Feste des Hindu- wie des Sikh-Kalenders gefeiert. Zu den wichtigsten Jahresfesten gehören dabei Vesakhi im April, die Durga-Puja im Oktober sowie Diwali im November. In dieser Hinsicht ist der Kölner Tempel – wie analoge Beispiele unter afghanischen Hindu-Sikhs in anderen Ländern – eine gewisse Schnittstelle zwischen Hinduismus und Sikhismus. Dies ermöglicht Sikhs einerseits, dass sie ebenfalls diesen Tempel besuchen können, teilweise ist aber auch zu beobachten, dass für manche die Statuen der Hindu-Götter zumindest befremdlich wirken können, so dass nicht-afghanische Sikhs in Köln ihre eigenen Gurdwaras besuchen. In der Hinsicht, dass Guru Nanak neben den Hindu-Gottheiten Raum im Tempel hat, unterscheidet sich das Hari Om Mandir nicht nur von anderen afghanischen Hindu-Tempeln, sondern auch vom afghanischen Gurdwara Singh Saheb in Stuttgart sowie dem kleinen afghanischen Sikh-Tempel in Hamburg, die als „reine“ afghanische Sikh-Kultstätten hinduistischen Elementen keinen Raum geben.


Fasst man die öffentliche religiöse Praxis kurz zusammen, so ist deutlich, dass sie sich von anderen ethnisch geprägten Formen des Hinduismus, wie wir sie in Deutschland finden, unterscheidet. Der religionswissenschaftlich ausgerichtete Beobachter kann daher sagen, dass innerhalb dieser kleinen Religionsgemeinschaft in Deutschland der Akzent der Beschreibung stärker auf „afghanisch“ liegen soll, wobei diese ethnische Akzent zugleich Differenzierung zu anderen ethnischen Hinduismusformen – z.B. der Tamilen oder Bengalen in Deutschland – ausmacht, aber auch zu einem von Punjabis geprägten Sikhismus. Daher muss man die afghanischen Hindu-Sikhs als eigenständige ethno-religiöse Gruppe beschreiben, die sich natürlich auch klar von muslimischen Afghanen unterscheidet.



Der Afghan Hindu- und Sikh Verband

Zählt man alle Tempelvereine zusammen, so gibt es derzeit neun organisierte religiöse Gemeinschaften, die sich lokal um religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Belange der afghanische Hindus und Sikhs kümmern. Um die gemeinsamen Interessen besser zu koordinieren, wurde im Februar 2002 in Essen der „Afghan-Hindu- und Sikh Verband in Deutschland“ gegründet, der von einem fünfköpfigen Vorstand geleitet wird. Das allgemeine Anliegen des Verbands hat Niron Kapoor im Vorwort der zweiten Ausgabe der Verbandsbroschüre Ekta folgendermaßen umschrieben (S. 4): „Wir müssen uns von uns selbst geschafften Barrieren zwischen Männern und Frauen, Jungen und Alten, Hindus und Sikhs, Gebildeten und Wenig-Gebildeten, Kabulis, Kandaharis, Sindhis, Essener, Kölner usw. befreien. Nur so können wir einen gesamtgesellschaftlichen Wertekonsens finden und eine gesellschaftliche Einigung ... anstreben, ... die sich sowohl innerhalb Deutschland als auch international vernetzt, damit wir nicht stets erfolglos versuchen nur unter afghanischen Hindus und Sikhs unsere Meinung durchzusetzen, sondern in dieser gesamten Welt Gehör zu finden.“


Der Verband ist ein überregionales Sprachrohr, das sich bemüht, inner-afghanische Fragen der Religionsausübung und der Bewahrung der kulturellen Tradition zu behandeln. Dazu gehörten Aktivitäten, um den zum Teil bereits in Deutschland geborenen Kindern, aber auch Jugendlichen durch Hindi-Kurse und spezielle religiöse Programme die Notwendigkeit der Bewahrung der Hindu-Kultur bewusst zu machen. Als ein solch überregionaler Verband sind dabei afghanische Hindus deutschlandweit besser organisiert als dies bei anderen ethnischen Hindu-Gruppierungen in Deutschland bislang der Fall ist. Das gegenwärtige zentrale Anliegen des Verbandes liegt aber in der „Außenperspektive“, um die deutsche Öffentlichkeit über den ethno-religiösen Eigenstatus der afghanischen Hindus und Sikhs zu informieren, um dadurch auch bewusst zu machen, dass es sich hierbei um eine ethno-religiöse Minderheit von Afghanen handelt, deren Rechte gegenüber der muslimischen Mehrheit bewahrt bleiben müssen. In der Praxis heißt dies für die aktuellen Verbandsaktivitäten, dass der Verband als übergeordnetes Organ sich v.a. um die Sicherung des Status von afghanischen Flüchtlingen bzw. Asylbewerbern in Deutschland bemüht.



Religion und Abschiebungsproblematik

Ich werfe nochmals kurz einen Blick nach Afghanistan: Die Unruhen in Kabul, die durch einen von Angehörigen der US-Truppen ausgelösten Verkehrsunfall am 29. Mai hervorgerufen wurden, haben deutlich gemacht, dass das politische und gesellschaftliche Lage in der Islamischen Republik Afghanistan bei weitem noch nicht stabilisiert ist, trotz der Anwesenheit internationaler, einschließlich deutscher Soldaten. Die im Januar 2004 in Kraft getretene neue afghanische Verfassung liefert zwar eine international anerkannte Grundlage für den Staat, der zu mehr als 99 Prozent von Muslimen bewohnt ist. Daher berücksichtigt die Verfassung des Landes mir die fast flächendeckend muslimisch geprägte Gesellschaft Afghanistans, wenn die §§ 2 und 3 die „heilige Religion des Islam“ als Staatsreligion nennen und davon sprechen, dass andere Religionen nur soweit zulässig sind, als sie nicht den afghanischen Gesetzen widersprechen, die dem Islam entsprechen müssen. Diese beiden Paragraphen innerhalb der Verfassung erlauben für nicht-muslimische Gemeinschaften nur einen äußerst engen Spielraum. Dass Angehörige religiöser Minderheiten daher seit Inkrafttreten der Verfassung einem gewissen Druck von Seiten muslimischer Behörden ausgesetzt sind, lässt sich beobachten. Diese Situation in Afghanistan hat aber – darauf sei abschließend eingegangen – auch Konsequenzen für afghanische Hindus in Deutschland.


Am 24 Juni 2005 wurde von der Innenministerkonferenz der Bundesrepublik der Beschluss gefasst, Afghanen aus Deutschland wieder in ihre Heimat zurückzuführen, was seither auch geschieht. Während dabei für Muslime eine Rückführung in die Islamische Republik Afghanistan zumindest in religiöser Hinsicht unproblematisch ist, stellt sich die Situation bezüglich der ethno-religiösen Gruppe der afghanischen Hindus und Sikhs anders da. Den Angehörigen dieser Religionsgemeinschaften wird nämlich in ihrer Heimat in religiöser Hinsicht keine Freiheit gewährt wird, die westlichen Standards von Religionsfreiheit auch nur annähernd entsprechen würde. Aus diesem Grund versuchen z.B. auch afghanische Hindus, die in den 1990er Jahren nach Indien geflüchtet sind, in zunehmender Zahl, eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Indien oder sogar die indische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Blick man auf die konkrete Situation in Deutschland, so sprechen besonders zwei wichtige Gründe dagegen, dass afghanische Hindus und Sikhs aus Deutschland nach Afghanistan abgeschoben werden:
(a) Die nach Deutschland gekommenen Hindus und Sikhs haben inzwischen hier ihre Familien gegründet, wobei die Kinder dieser afghanischen Familien einerseits Deutsch als Sprache ihres Gastlandes, sowie meist Hindi als Muttersprache beherrschen. Hindi ist aber in der Verfassung Afghanistans nicht unter jenen Sprachen genannt, die in Afghanistan verwendet werden, was mit der Geringschätzung bzw. Nicht-Berücksichtigung der Hindu- und Sikh-Minderheit – als ethno-religiöser eigenständiger Gruppe – zusammenhängt. Eine Rückführung solcher Personen, die der zentralen Sprachen Afghanistans (Pashto oder Dari) nicht mächtig sind, würde bedeuten, diese jungen afghanischen Hindus und Sikhs in ein Getto und in die Isolierung bzw. Marginalisierung zu schicken.
(b) Genauso darf nicht unerwähnt bleiben, dass die traditionellen geschlossenen Lebensräume der Hindus und Sikhs in Afghanistan (besonders im Westen von Kabul) durch die mehr als zwei Jahrzehnte andauernden (Bürger-)Kriegswirren nicht mehr funktionstüchtig sind. Ein geschlossener Lebensraum, der eine wirtschaftliche, soziale, und religiöse Infrastruktur bietet, ist aber für das Überleben der ethno-religiösen Minderheit der Hindus und Sikhs unbedingt notwendig. Da diese Infrastruktur nicht vorhanden ist, würde ein aus Deutschland nach Afghanistan zurückgeschickter Hindu oder Sikh ohne wirtschaftliche Existenzmöglichkeit sein.
Die Abschiebung von nicht-muslimischen Afghanen, die im November des Vorjahres in Hamburg begonnen hat, würde aus beiden Gründen diesen Menschen kaum Chancen bieten, in der islamischen Gesellschaft Afghanistans Fuß zu fassen, ohne die eigene ethno-religiöse Identität aufzugeben. Denn eine – zwangsweise – Rückkehr nach Afghanistan führt derzeit nämlich nicht nur zu Diskriminierung aus religiösen und gesellschaftlichen Gründen, sondern stößt Rückkehrende auch in ein wirtschaftliches Vakuum, das kein geordnetes Überleben ermöglicht. Daher sollte für Hindus und Sikhs – solange sich die Situation in Afghanistan nicht ändert und ihnen volle Rechte zur unbehinderten Religionsausübung (ohne Auflagen aus islamischer Rechtstradition und theologischer Begründung) zuerkannt werden – in Deutschland eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erteilt werden. Dass dies derzeit nicht der Fall ist, ist vor wenigen Tagen erneut deutlich geworden. Denn am 21. Mai wurde von der Ausländerbehörde in Coesfeld (NRW) eine afghanische Hindu-Familie mit drei minderjährigen Kindern von Frankfurter Flughafen aus nach Kabul abgeschoben. Solche Aktionen bereiten verständlicherweise den in Deutschland lebenden afghanischen Hindus und Sikhs große Sorgen, da sie als Angehörige dieser Gemeinschaft in eine – aufgrund ihrer Religion – unsichere Zukunft blicken müssen.



Zusammenfassung


Derzeit leben in Deutschland etwas weniger als 100.000 Personen, die demvielfältigen Spektrum „Hinduismus“ zugerechnet werden können. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Tamilen aus Sri Lanka, die in der Folge des Bürgerkrieges im Inselstaat seit Beginn der 1980er Jahre hier eine „zweite“ Heimat gefunden haben; dazu kommt eine kleine Zahl Tamilen aus Südindien, die aus Studien- oder Arbeitsgründen hierher gekommen sind. Hindus nordindischer Provenienz sind teilweise Bengalen, die seit Beginn der 1960er Jahre zunächst aus Studiengründen hierher gekommen sind, aber auch durch Hindu-Migranten aus Westbengalen und Bangla Desh zahlenmäßig in den folgenden Jahrzehnte zugenommen haben. Aber auch aus anderen Landesteilen Nordindiens fanden Hindus ihren Weg nach Deutschland, wodurch – gemeinsam mit deutschstämmigen Anhängern von missionierenden Hindu-Gemeinden im Westen – sich ein vielfältiges Bild des Hinduismus in Deutschland ergibt. Innerhalb dieser Vielfalt stehen auch die afghanischen Hindus als eigenständige Gruppe, die stärker als bislang in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerückt werden sollten, nicht nur wegen ihrer religionsgeschichtlich eigenständigen Ausprägung, sondern auch, weil eine Missachtung dieser Bevölkerungs- und Religionsgruppe zu religiös bedingter Diskriminierung führen kann, was in demokratischen Gesellschaften zu vermeiden ist. Um diese kleine Hindu-Gruppe etwas bekannt zu machen, wollte dieser Vortrag ein paar Informationen liefern.



Literatur

Afghan Hindu- und Sikh Verband in Deutschland (Hg.): Ekta, Ausgabe 1, April 2005.
Afghan Hindu- und Sikh Verband in Deutschland (Hg.): Ekta, Ausgabe 2, Oktober 2005 [http: /www.hindu-tempel-essen.com]
Afghanische Hindus Gemeinde Köln (Hg.): Hari Om Mandir, Köln: Eigenverlag 2005.
Danesch, Mostafa; Gefährdung von Hindus. Situation gegenüber 2002 grundlegend verändert, in: Asylmagazin 2002, Heft 4, 12-14.
Dass, Ischer: Die Gefährten Afghanistans, Frankfurt: IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation 2003.
Hutter, Manfred: Existenzmöglichkeiten für Hindus und Sikhs in der Islamischen Republik Afghanistan?, in: http://www.abschiebung.afghanhindus.de/Information/Afghan-Hindus-Stellungnahme_MHutter.pdf
Melwani, Lavina: Hindus abandon Afghanistan, in: Hinduism Today, April 1994 [http:// www-hinduism-today.com/archives/1994/4/1884-4-02.shtml]
Weber, Edmund: Hindus in Deutschland, in: Journal of Religious Culture 59 (2002) [http:// web.uni-frankfurt.de/irenik/relkultur59.htm]


Internetseiten

http://www.kabulnath.de/Deutsch/Hindukosch.html [Seite zu afghanischen Kultur und Hindus]
http://www.afghanhindu.info/ (allgemeine Seite, aber auch Links zu Tempeln und Vereinen Deutschland]
http://www.afghanhindu.mynetcologne.de/ [allgemeine Seite zu Situation in Duetschland]
http://www.hindu-tempel-essen.com/ [homepage des Essener Tempels mit reichhaltigen Links]
http://www.aasamaimandir.com/ [homepage des Frankfurter Tempels]