Hindukusch - Berge der Hindus

Zur Lage der Hindus und Sikhs in Afghanistan


Eine Dokumentation (Stand November 2006)

Herausgegeber:
Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland e.V.
Am Marienstift 23, 51067 Köln

Vorwort

Deutschland spielt beim Wiederaufbau Afghanistans eine herausragende Rolle. Durch die Konferenz auf dem Bonner Petersberg im November/Dezember 2001 und durch das dort beschlossene Petersberger Abkommen wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die nach dem 11. September 2001 zur Zerschlagung der islamistischen Taliban und zu einem neuen gesellschaftlichen Prozess in Afghanistan führte. Die "grosse Versammlung" ("Loya Dschirga") in Kabul, die im Dezember 2003 begann, verabschiedete am 27.01.2004 eine neue afghanische Verfassung. Wissenschaftler deutscher Universitäten bereiteten den Text dieser Verfassung vor. Deutsche Soldaten sind im Rahmen der internationalen Schutztruppe ISAF in Afghanistan, um zur Sicherheit und Stabilität des Landes beizutragen. Deutsche Wissenschaftler bilden afghanische Juristen und Beamte im Rahmen von Förderprojekten des Max-Planck-Instituts für internationales Recht aus. Zahlreiche Deusche sind in Afghanistan vor Ort, um im Rahmen von internationalen Hilfseinrichtungen der Bevölkerung zu helfen.

Jedoch ist in der deutschen Öffentlichkeit wenig bekannt, daß es in Afghanistan trotz des von der internationalen Staatengemeinschaft unterstützten Wiederaufbauprozesses eine massive, religiös motivierte Diskriminierung und Verfolgung gibt, die bis heute weder von der Regierung Karsai noch von den internationalen Einrichtungen oder den deutschen Soldaten gestoppt werden kann. Ja, es liegen sogar Berichte vor, daß diese religiöse Verfolgung durch die Regierung Karsai wenn nicht aktiv gefördert, dann jedoch zumindest duldend in Kauf genommen wird. Dies ist unmittelbare Folge davon, daß sowohl die afghanische Verfassung wie auch die Tätigkeit der Regierung, der Behörden und Gerichte unter dem Vorbehalt des islamischen Religionsgesetzes, der Scharia, steht.

Ziel dieser umfassenden religiösen Verfolgung und gesellschaftlichen Diskriminierung sind die Hindus und Sikhs, die seit über 2.000 Jahren (gemeinsam mit den Buddhisten) in den Regionen des heutigen Afghanistan leben.

Im Juni 2005 beschlossen die Innenminister der Bundesländer, afghanische Flüchtlinge, die in den letzten Jahren mit ihren Familien in Deutschland Schutz fanden, angesichts einer von den Innenministern angenommenen Verbesserung der Lage stufenweise nach Afghanistan zurückzuführen.

Nicht wahrgenommen wurde dabei das Problem, daß sich unter den vielen tausenden afghanischen Flüchtlingen, die in Deutschland leben, auch Hindus und Sikhs befinden, die in Afghanistan das Objekt staatlicher und nicht-staatlicher Diskriminierung und Verfolgung von fanatischen Islamisten, aber auch von Beamten und Richtern des islamischen Establishments werden.

Es ist daher das Anliegen dieser Dokumentation, über die prekäre, existentiell bedrohliche Lage der Hindus und Sikhs im heutigen Afghanistan zu berichten. Auch soll gezeigt werden, welche dramatischen Folgen die gesetzliche und gesellschaftliche Etablierung der Scharia für religiöse Minderheiten haben, die nicht als "Buchreligion" (Judentum, Christentum, Islam) geschützt sind.

Als Dachverband von neun Hindu-Tempelgemeinden in Deutschland haben wir uns dabei um eine objektive Darstellung der Fakten bemüht, so wie sie uns berichtet wurden und so, wie wir nach bestem Gewissen die Lage und ihre Hintergründe darstellen können.

Wir sind zutiefst besorgt, daß eine Rückführung von Hindus und Sikhs nach Afghanistan zu einer grossen humanitären Katastrophe führt. Die deutsche Beteiligung am Wiederaufbauprozess Afghanistans sollte unter der Beachtung der Menschenrechte erfolgen; eine religiöse Minderheit, die in der neuen, in Deutschland mit-entwickelten afghanischen Landesverfassung vom 27.01.2004 keine Rechte erhalten hat, darf nicht verfolgt werden; Deutschland darf diese Verfolgten nicht in ein islamistisches Land zurückschicken.

Köln, im November 2006 Dr. Chellaram Merzadah, Vorsitzender
Zentralrat der afghanischen Hindus und
Sikhs in Deutschland e.V.


***


In Afghanistan leben rund 28 Millionen Menschen, davon ca. drei Millionen in der Hauptstadt Kabul. 99% sind Muslime (84% Sunniten und 15% Schiiten). Allerdings ist Afghanistan auch ein Land grosser ethnischer Vielfalt. Genaue Angaben sind zwar nicht verfügbar, jedoch schätzt man, daß die Bevölkerung Afghanistans aus 38% Paschtunen, ca. 25% Tadschiken, 19% Hazara, 6% Usbeken und 12% kleine andere Gruppen besteht. Von den früher auf ca. 70.000 – 120.000 geschätzten Hindus (die ethnisch immer Afghanen, nie Inder waren) leben heute noch rund 3.000 unter schwierigsten Bedingungen in Kabul.

In der Antike gehörte das Gebiet des heutigen Afghanistans zum Perserreich. Die dort lebenden Völker waren jedoch seit dem 2. Jahrhundert v.Chr. Buddhisten, mit der Gandahara-Kunst erreichte der Buddhismus im 2. Jahrhundert n.Chr. seinen Höhepunkt. Auch der Hinduismus fasste dort Fuß: im 7. Jahrhundert n.Chr. berichten chinesische Quellen von über 1.200 hinduistischen Tempeln und von einem hinduistischen Brahmanenstaat im Gebiet des heutigen Afghanistan.

Bis zum Mittelalter herrschten dann persische Lokaldynastien, der Islam setzte sich erst langsam durch. Zwar sollen die meisten Einwohner der Regionen Herat und Kabul bereits Ende des 10. Jahrhunderts Moslems gewesen sein, was durch die Invasion der Türken ins iranische Hochland erklärt wird. Es steht jedoch fest, daß zum gleichen Zeitpunkt im Gebiet von Ohind (Ghandara) ein hinduistisches Königreich unter König Jaipal (983) existierte, ein König der hinduistischen Dynastie Hindu-Sahi, die zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert n.Chr. im afghanischen Bergland und im Panjab herrschte.

Mit dem Untergang dieser hinduistischen Dynastie wurde die Vorherrschaft des Islam im afghanischen Bergland endgültig besiegelt. Über die Jahrhunderte bereiteten allerdings die nicht religiös, sondern stammespolitisch zu verstehenden Aufstände der zum Islam konvertierten Paschtunen gegen die immer wieder in die Region eindringenden persischen Safawiden und die indischen Mogule den Weg zur Gründung eines selbständigen Königreiches im Osten Persiens durch den Paschtunen Ahmad Shah Durrani (1747). Die Engländer nannten dieses Gebiet Afghanland (Land der Paschtunen), durch die Übersetzung dieses Begriffes ins persische "Afganistan" wurde der alte Name "Khorasan" allmählich abgelöst und Anfang des 20. Jahrhunderts zum offiziellen Namen des Königreichs. Mit dem Vertrag von Kabul 1921 wurde Afghanistan von Großbritannien und Russland unabhängig, in Folge wurde eine konstitutionelle Monarchie gegründet (1931).

Das aktuelle Schicksal Afghanistans ist noch immer geprägt von dem Chaos und der Tragödie, die mit der sowjetischen Invasion 1979 begann. Das nach dem Abzug der Sowjets (1989) entstandene Machtvakuum wurde durch divergierende politische, ethnische und religiöse Strömungen ersetzt, die ihre jeweils egozentrischen Interessen verfolgten; Bürgerkrieg und Anarchie waren die Folge. Ein durch die sowjetische Besetzung weitgehend zerstörtes Land konnte sich nicht autonom wieder aufbauen, sondern wurde zum Objekt der Fremdbestimmung, wie schon so oft in seiner Geschichte. Unter der Führung der Paschtunen entstand die Bewegung der Taliban, zu denen die in Pakistan in Islamschulen ausgebildeten paschtunischen Rekruten stiessen. Im Herbst 1996 riefen die Taliban ein Islamisches Emirat Afghanistan aus, das von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wurde. 1998 kontrollierten die Taliban über 90% des Landes. Sie führten ein mittelalterliches Verständnis des Islams ein. Zwischen 1996 und 2001 kam es zu schwersten Menschenrechtsverletzungen und Übergriffen gegen "Ungläubige" durch das Taliban-Regime. Die Herrschaft der Taliban wurde nach dem 11. September 2001 durch die Angriffe der USA und Großbritanniens gebrochen. Hamid Karsai übernimmt im Januar 2002 die Regierung.

Afghanistan ist seit dem Januar 2004 eine Islamische Republik, als die verfassungsgebende Versammlung ("Loya Dschirga") die neue afghanische Landesverfassung verabschiedete.

Die Regierung Karsai ist jedoch nicht in der Lage, stabile Verhältnisse im ganzen Land herzustellen.

Im Gegenteil, im Frühjahr und Sommer 2006 ist eine dramatische Verschlechterung der Sicherheitslage und ein Wiederaufleben der Taliban in verschiedenen Regionen Afghanistans zu beobachten

Das Wiedererstarken der Taliban führt zu besorgniserregenden Schlagzeilen, die hier nur einmal beispielhaft zitiert werden sollen:

- RP-Online vom 30.05.2006 „Fällt Afghanistan an die Taliban zurück?“
- Deutschland-Radio vom 05.06.2006 „Afghanistan: Polizisten erschießen 7 Kollegen und laufen zu Taliban über“
- N-TV vom 05.06.2006 „Mehr Gewalt in Afghanistan“
- Tagesschau vom 02.06.2006 „Taliban-Kämpfer vertreiben Polizei aus der Kaserne“
- FAZ – Leitglosse vom 18.05.2006 „Gestärkte Taliban“

In einem Bericht des UNHCR vom 30.04.2005 heißt es hierzu:

„Angesichts der fortdauernden Notwendigkeit des Einsatzes militärischer Gewalt zur Bekämpfung regierungsfeindlicher Aktivitäten in zahlreichen Provinzen des Landes, von denen einige noch immer nicht unter vollständiger Kontrolle der afghanischen Regierung und seiner Sicherheitskräfte sind, kann derzeit nicht von einem Ende militärischer Auseinandersetzungen ausgegangen werden. Obwohl diesbezüglich bereits Fortschritte erzielt wurden, haben in vielen Landesteilen noch immer weder die afghanische Polizei noch die afghanischen Streitkräfte die ausschließliche Gebietsgewalt errungen. Eine durchgreifende Wiederherstellung des Gewaltmonopols der afghanischen Regierung kann bei realistischer Betrachtung auch nicht vor dem Jahr 2007 oder 2008 erwartet werden, wenn die volle Stärke der afghanischen Armee und Polizeikräfte erreicht sein soll. Fortschritte sind auch bei der Durchführung des Entwaffnungs-, Demobilisierungs- und Reintegrationsprogramms der afghanischen Regierung zu verzeichnen. Das Programm ist jedoch noch nicht abgeschlossen und insbesondere der Umgang mit so genannten inoffiziellen Milizen bereitet nach wie vor erhebliche Probleme. Von einer Wiederherstellung stabiler Verhältnisse kann daher in Afghanistan noch nicht gesprochen werden.
Mit Blick auf die in Afghanistan herrschenden besonderen sozialen und ethnischen Strukturen ist dabei der Aufbau funktionsfähiger Institutionen auf der Ebene unterhalb der Zentralregierung von besonderer Bedeutung. Nach Feststellung von UNHCR arbeiten lokale Regierungen und Verwaltungsbehörden gegenwärtig noch nicht zuverlässig genug. Insbesondere ist derzeit eine hinreichende Unabhängigkeit lokaler Institutionen von militärisch oder wirtschaftlich dominierenden Kräften noch nicht gewährleistet. Auch ist der Zugang zu Gerichten nur in eingeschränktem Umfang gegeben bzw. gänzlich ausgeschlossen. Nach wie vor können insbesondere einflussreiche Personen weitgehend ohne jede Furcht vor rechtlicher Verfolgung agieren.“

Für die Hindus und Sikhs hat diese instabile Lage, deren im Jahre 2006 eingetretene dramatische Verschlechterung durch massive Übergriffe der Taliban in weiten Landesteilen beinahe täglich zu beobachten ist, weitreichende Folgen.

Während die internationale Staatengemeinschaft seit Jahren enorme finanzielle Mittel sowie logistische und personelle Kräfte in den Wiederaufbauprozeß unserer geschundenen Heimat investiert, während bereits vom Versickern von hunderten Millionen Dollar von Hilfsgeldern in verschiedenen Ministerien und in andere dunkle Kanäle die Rede ist, während laut einer dpa-Mitteilung vom 05.02.2006 die afghanische Regierung 123 internationalen nichtstaatlichen Hilfswerken wegen Betrugs und Korruption die Lizenz entzog, kümmert sich anscheinend niemand darum, wie es religiösen Minderheiten, insbesondere den Hindus und Sikhs, geht.


Dabei sind mittlerweile sämtliche Lebensgrundlagen für Hindus in Afghanistan und speziell auch in Kabul zerstört. Nach übereinstimmenden Berichten muß von einer massiven Diskriminierung und einer zielgerichteten, religiös und kulturell motivierten Verfolgung gesprochen werden. Selbst wenn man nur den Raum Kabul beobachtet, so ist festzustellen:


- Es wird von zahlreichen Übergriffen islamistischer Fanatiker auf einzelne Hindu-Familien berichtet,

- Es liegen uns zuverlässige Angaben vor, wonach minderjährige Hindu-Mädchen aus der Familie herausgerissen und mit Moslems zwangsverheiratet werden,

- Eine öffentliche Religionsausübung nach dem traditionellen Ritus ist den Hindus unter Strafandrohung mit der islamischen Scharia verboten,

- die Regierung Karsai kann den Angehörigen der Hindu-Religion kein religiöses Existenzminimum garantieren;

- die Regierung Karsai fördert aktiv gezielte Diskriminierung der Hindus durch staatliche Stellen mittels derer Anwendung islamischen Rechts auf Hindus,

- die Regierung Karsai ist durch die afghanische Landesverfassung vom 27.01.2004 gezwungen, in allen Angelegenheiten des Rechts und der Verwaltung das islamische Recht der Scharia auf die Hindus anzuwenden,

- die Regierung Karsai duldet gezielte Diskriminierung der Hindus durch sogenannte „nicht-staatliche Akteure“, also durch einzelne zumeist islamistische Fanatiker,

- Verwaltung und Justiz sind ausnahmslos durch ein islamisches Establishment durchsetzt, welches kein Interesse daran hat, mit den wenigen in Kabul lebenden Hindus in einen konstruktiven Dialog zu treten oder diesen etwa einen Mindeststandard an bürgerlichen oder persönlichen Rechten zu gewähren. In allen Angelegenheiten des Personenstandsrechts sowie in Zivilrechtsstreitigkeiten ist von Verfassungs wegen das islamische Recht anzuwenden. Es ist bislang kein einziger Fall bekannt, in dem den Hindus etwa ihr eigenes Recht zugestanden wurde; in jedem der uns bekannten Fälle wurden die Hindus vielmehr gezwungen, sich unter das islamische Recht zu stellen.

Es scheint festzustehen, daß die Regierung Karsai die islamistisch-fundamentalistischen Kräfte nicht eindämmen kann; nach übereinstimmenden Berichten von seriösen Beobachtern wird vermutet, daß Karsai nur noch von einer Position der Schwäche aus agieren kann und vom Wohlwollen der islamischen Geistlichen abhängig ist. Ein moslemischer Rat hat die Wiederbelebung der „Behörde zur Förderung der Tugend und Abwendung der Sünde“ gefordert, die einst unter den Taliban als „Religionspolizei“ gefürchtet und berüchtigt war. Nach Medienberichten beabsichtigt Präsident Karsai, diese Vorschläge dem Parlament zu unterbreiten. Aus Sicht einer in der afghanische Landesverfassung nicht anerkannten und ungeschützten religiösen Minderheit ist dies eine äußerst dramatische Entwicklung, die Schlimmstes befürchten läßt. Der Fernsehsender n-tv hat hierüber am 16.07.2006 berichtet:

"Abwendung der Sünde" - Geistliche für Religionspolizei
Afghanische Geistliche haben die Wiedereinführung einer Religionspolizei gefordert. Diese hatte sich bis zum Sturz der radikal-islamischen Taliban vor knapp fünf Jahren für eine Durchsetzung religiöser Regeln in dem Land eingesetzt. Wie die Regierung mitteilt, hatte ein moslemischer Rat zuletzt die Wiederbelebung der Behörde zur Förderung der Tugend und Abwendung der Sünde gefordert. Der afghanische Präsident Hamid Karsai wolle den Vorschlag nun dem Parlament unterbreiten. Karsai gilt zwar als moderater Moslem, muss aber auch die Ansichten der einflussreichen konservativen Geistlichen in Betracht zu ziehen.
Die von vielen Teilen der Bevölkerung gefürchtete Religionspolizei hatte zu Zeiten der Taliban-Regierung die Aufgabe, das islamische Recht der Scharia durchzusetzen. Vertreter der Polizei bestraften Frauen, die nicht wie vorgeschrieben von Kopf bis Fuß in die traditionelle Burka gehüllt waren. Auch Männer waren im Visier der Behörde, wenn sie ihre Bärte schnitten oder Musik hörten. (Quelle: www.n-tv.de vom 16.07.2006)

Nach Angaben von Prof. Dr. Manfred Hutter (Universität Bonn) benötigen die Hindus und Sikhs „traditionelle geschlossene Lebensräume“, um in Afghanistan oder auch nur in Kabul überleben zu können. Solche Lebensräume sind nach seinen Angaben in Kabul nicht mehr vorhanden, auch nicht anderswo in Afghanistan; Prof. Hutter berichtete, daß eine Abschiebung von afghanischen Hindus nach Afghanistan zu einer „Diskriminierung aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen führen würde“ (Vortrag Prof. Dr. Manfred Hutter vom 24.06.2005 an der Universität Bonn).

Der Journalist und Autor Dr. Mostafa Danesch (Köln) bereiste Afghanistan seit 1978 ca. 70mal und ist seit vielen Jahren für Gerichte und Behörden in Deutschland und Österreich als Sachverständiger für Afghanistan anerkannt. Im Dezember 2005 hielt er sich für mehrere Wochen in Afghanistan auf, speziell um die Lage der Hindus und Sikhs zu untersuchen. In seinem Gutachten vom 23.01.2006, das mittlerweile den Asylbehörden und Gerichten in Deutschland vorliegt, kommt er zu einem dramatischen Ergebnis:

Während Dr. Danesch noch im August 2002 der Auffassung war, daß die Hindus und Sikhs in Afghanistan nicht gefährdet seien, weil er auf die Zerschlagung der Taliban und die positiven Kräfte des Wiederaufbaus vertraute, hat er diese Auffassung revidiert und ist zur Schlußfolgerung gelangt, daß die Hindus und Sikhs in Afghanistan durch staatlich und durch nicht-staatliche Akteure verfolgt werden; darüberhinaus seien die Hindus und Sikhs in ihrer Religionsausübung massiv behindert, sie seien einer expliziten kulturellen Diskriminierung ausgesetzt, deren Ziel sei, die Hindus und Sikhs in kürzester Zeit auszulöschen.

Diese Schlußfolgerungen des Sachverständigen Dr. Danesch sind Ergebnis eines 44-seitigen Gutachtens auf der Basis seiner ausgewiesenen wissenschaftlichen Expertise. Wir wollen hier zur Veranschaulichung die wichtigsten Aussagen von Dr. Danesch unmittelbar zitieren:

„daß in der Tat für Angehörige der Hindu- und Sikh-Minderheit die Bestimmungen von § 60 (1) sowie § 60 (7) des Aufenthaltsgesetzes zutreffen, nach denen ein Abschiebungsverbot gegeben ist.“ (S. 2, aaO).

„Darüberhinaus drohen zurückkehrenden Hindus oder Sikhs aber weitere Gefahren, die erheblich über die Gefährdung hinausgehen, welcher die Bevölkerung allgemein oder andere Rückkehrer aus Europa ausgesetzt sind.“ (S. 28, aaO).

„…mit der Vertreibung der Taleban und dem Einsetzen der Karsai-Regierung hat sich die Lage der Hindus und Sikhs nicht entscheidend geändert.“ (S. 29, aaO).

„Die Hindus und Sikhs in Afghanistan sind auch einer explizit kulturellen Diskriminierung ausgesetzt, die eindeutig zum Ziel hat, sie als religiöse und kulturelle Minderheit innerhalb kürzester Zeit auszulöschen.“ (S. 36, aaO).

„Vor allem in der Religionsausübung werden die Hindus und Sikhs massiv behindert.“ (S. 37, aaO).

„Gerade bei jungen Mädchen ist die Praxis der Zwangsbekehrung verbreitet…Diese Vorgehensweise ist kein Auswuchs, sondern wird systematisch angewendet.“ (S. 41, aaO).

„Aus dem oben Gesagten geht hervor, daß in der Tat religiös motivierte Verfolgung von Hindus und Sikhs im heutigen Afghanistan asylrelevante Intensität erreicht. Hindus und Sikhs sind in ihrer Religionsausübung und kulturellen Identität in einem derartigen Ausmaß eingeschränkt, daß ihre Existenz als eigenständige Minderheit akut bedroht ist. Insbesondere muß der häufig getroffenen Einschätzung des Bundesamts widersprochen werden, die Regierung Karsai sei in der Lage oder bereit, Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung zu gewährleisten.
An verschiedenen Punkten – keine Zurückerstattung enteigneten Besitzes, Verbot religiöser Zeremonien, Verweigerung der Unterstützung der Gemeinden in ihren Bldungsbestre-bungen, Zwangsbekehrungen mit Rückendeckung der staatlichen Justiz usw. – wurde nachgewiesen, daß die Regierung Karsai die Hindu- und Sikh-Minderheit nicht nur nicht schützt, sondern sich aktiv an ihrer Verfolgung beteiligt. Insofern kann man für die Hindu- und Sikh-Minderheit tatsächlich von einer nichtstaatlichen wie einer staatlichen oder zumindest doch staatlich sanktionierten Verfolgung sprechen.

Des Weiteren wurde dargelegt, dass die Bedingungen, unter denen die Hindus und Sikh in ihren ehemaligen Tempeln leben, so katastrophal sind, dass eine Abschiebung in der Tat – so das Kriterium deutscher Gerichte – bedeuten würde, Rückkehrer „gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen [auszuliefern]“.“ (S.41f., aaO).



Man kann diese sowohl nüchternen wie erschreckenden Feststellungen nur verstehen, wenn sich man sich vor Augen hält, daß es einst in Kabul eine lebendige, lebensfähige Hindu-Gemeinschaft mit Tempeln, Verbrennungsstätten und einem eigenen Stadtgebiet in der ehemaligen Altstadt von Kabul gab (Schorbasar).

Die dramatische Lage heute ist für die Hindus unvorstellbare, grausame Realität. Lassen wir an dieser Stelle jemanden sprechen, der in Schorbasar seine Kindheit verbrachte und heute in Deutschland lebt. Der Kölner Arzt Dr. Chellaram Merzadah, Vorsitzender des Zentralrats der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland, machte sich bei einer Explorationsreise im Dezember 2005 ein eigenes Bild von der Lage. In seinem Reisebericht heißt es:

„Am Morgen des 11.12.2005 fuhren wir mit dem Auto in Richtung Altstadt, wo früher die Hindugebiete lagen. Es gab dort mehrere sehr große und eindrucksvolle Hindu- und Sikhs-Tempel. Im Schorbasar- Hindugebiet lebten früher ca. 35 000 Familien. In meiner Erinnerung war Schorbasar ein lebendiger, lautstarker Altstadtteil. Viele Hindu- und Sikhs hatten dort ihre Geschäfte und große eindrucksvolle Tempel als Gebetstätte; Hindufrauen hingen Wäsche zum trocknen auf und Kinder spielten auf den Dächern oder ließen dort Drachen steigen. Bei unserem Eintreffen dort fand ich nichts mehr davon vor. Ich empfand ein bedrohliches Gefühl im ganzen Körper, meine Haare standen zu Berge und meine Augen waren tränenfeucht. Dies sollte Schorbasar sein? Von all dem fand ich nichts mehr vor. Überall Ruinen und bis auf die Grundmauern zerstörte Häuser und Tempel. Der große Tempel Halfar Guroduara und andere Hindugebetsstätten wurden schon 1992, während der Machtübernahme der Mudschaheddin, zerstört. Einen Tempel konnten wir noch durch eine Tür betreten. Sogleich kam eine Handvoll Kinder gelaufen, die uns freudig mit „Guten Tag, mein Herr" oder „Guten Tag, Onkel" begrüßten. Hier in diesen Ruinen leben mehrere Flüchtlingsfamilien, die aus den Provinzen vertrieben, oder vor Angst und Unsicherheit geflüchtet sind und hier eine Unterkunft gefunden haben. In diesen Tempelruinen gibt es weder Türen noch eine Fensterverglasung. Zum Schutz gegen die Kälte behilft man sich mit Laken oder Vorhängen. Während eines kurzen Gesprächs mit den Kindern erfuhr ich ihre Namen und einiges über ihre Ängste: Aus Angst vor den Muslimen gingen sie nicht zur Schule, sie würden bedroht und auch die Lehrer könnten ihnen keinen Schutz gewähren. Im Gegenteil, manche Lehrer würden sie sogar beschimpfen, oder versuchen, sie vom Islam zu überzeugen. Ihre Mütter ängstigen sich besonders um die Mädchen. Diese werden oft unter Zwang zum Islam rekrutiert. Im Anschluss an das Gespräch mit den Kindern hatte ich die Möglichkeit der Unterhaltung mit einigen Männern der Flüchtlingsfamilien. Sie verdienen den Lebensunterhalt als Tagelöhner und erwirtschaften ca. 140 bis 150 Afghani (ca. 3 Dollar). 90 % der Männer sind arbeitslos. Die Familien leben von Spenden unklarer Herkunft und die Kinder gehen sogar betteln. Unterstützung von Seiten der Regierung oder anderen Hilfsorganisationen erhalten sie nicht.
Dieser Eindruck in der Altstadt von Schorbasar war unvorstellbar, eine solche Zerstörung hatte ich nicht erwartet. Ich selbst verbrachte meine Kindheit im Stadtgebiet von Schorbasar. Ich habe dort mit meinen Cousinen und Freunden auf den Dächern gespielt und Drachen steigen lassen.“
„Besichtigung des Asmai-mandu Hindu-Tempels am 12.12.2005: Der Tempel liegt unterhalb des Asmaiberg im Stadtteil Keyoy. Dem hinteren Tempel-Bereich war auch hier eine große Hinduschule, in der früher ca. 1500 bis 1800 Schüler während Schulferien unterrichtet wurden, angegliedert. Die Hindukinder lernten hier Religion, Hindi, Bengadi und Englisch. Ich selbst besuchte in meiner Kindheit diese Schule. Jetzt ist die Schule in einem sehr bedauerlichen Zustand. Die Klassenzimmer sind zerstört, die Einrichtung wurde gestohlen; die Räume werden jetzt von zahlreichen Flüchtlingsfamilien aus den Provinzen Hos und Kundus bewohnt. Ein Klassenzimmer wurde von einer moslemischen Familie mit vier Kindern bewohnt. In einem anderen, ca. 10m2 großen Raum, hatte sich eine Familie mit drei Kindern niedergelassen. Die Menschen leben hier in Räumen ohne Türen, Fensterverglasung, Heizung und katastrophalen Sanitäranlagen. Es begegnen uns viele Kinder ohne Schuhe oder warme Kleidung.“

Diese persönlichen Eindrücke werden vom Sachverständigen Dr. Danesch in seinem wissenschaftlichen Gutachten vom 23.01.2006 im wesentlichen bestätigt und vertieft. Von einer lebensfähigen, anerkannten oder zumindest tolerierten Hindu-Gemeinde in Kabul kann unter Anlegung eines menschenrechtlichen Maßstabes keinerlei Rede sein. Vielmehr fristen die noch in Kabul verbliebenen Hindus ein menschenunwürdiges Dasein, stets in Angst vor willkürlichen Übergriffen staatlicher Kräfte oder einzelner islamistisch orientierter Fanatiker.

Mit Blick auf die jahrtausende alte Tradition der Hindus in den Bergen, Städten und Dörfern Afghanistans kann diese Entwicklung nur als ein besonders trauriges Kapitel bezeichnet werden.

Besonders besorgniserregend muß es aber sein, daß in der neuen afghanischen Landesverfassung vom 27.01.2004 sowie nachfolgend in der seitdem sich entwickelnden Verfassungs- und Verwaltungspraxis, die gezielte Diskriminierung der Hindus nicht nur angelegt, sondern vorgeschrieben ist.

Die im Exil lebenden Hindus haben keinerlei Verständnis dafür, daß die internationale Staatengemeinschaft den Aufbau einer Gesellschaft fördert, in der das islamische Gesetz (die Scharia) nicht nur das öffentliche, sondern auch das private Leben bestimmen soll und alle Angelegenheiten des bürgerlichen und persönlichen Lebens nach diesem Scharia-Gesetz auszurichten ist.

Eine solche Entwicklung verstößt gegen die grundlegenden Normen des Völkerrechts, der Menschenrechtskonvention und der einzelnen Pakte der UN über bürgerliche und soziale Rechte.

Gerade angesichts des deutschen Engagements in Afghanistan bleibt es für die in Deutschland lebenden afghanischen Hindus und Sikhs unverständlich, daß das Problem der Integration von Hindus und Sikhs in den Wiederaufbauprozeß sowie die fehlende Religionsfreiheit für Hindus und Sikhs, nicht erkannt worden ist.

Entgegen anderslautenden Darstellungen legt der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland Wert auf die Feststellung, daß ein offizieller Repräsentant der Hindus an der verfassungsgebenden Versammlung zur Verabschiedung der afghanischen Landesverfassung vom Januar 2004 nicht teilnahm. Die wenigen noch in Kabul verbliebenen Hindus waren weder eingeladen noch haben sie von sich aus einem Vertreter in die Versammlung entsenden dürfen.

Es wäre ja auch widersinnig, anzunehmen, ein offizieller Hindu-Repräsentant hätte zugestimmt, daß er künftig in allen privaten und öffentlichen Belangen unter dem Religionsgesetz der islamischen Scharia leben möchte.

Dabei wäre es ein leichtes gewesen, die private und öffentliche Religionsfreiheit für die Hindus in die Verfassung aufzunehmen; denn die Hindus streben keinerlei Privilegien oder sonstige innenpolitische Vorrechte an; sie bestehen aber auf gleichwertige Behandlung nach den anerkannten, internationalen Standards.

Die Hindus und Sikhs fordern private und öffentliche Religionsfreiheit in Afghanistan.

Dabei ist zu berücksichtigen: das Selbstverständnis der aus Afghanistan stammenden Hindus, die noch dort oder im Exil im Ausland leben, bezieht sich ethnisch nicht auf Indien, sondern auf Afghanistan.

Daher stellen die afghanischen Hindus auch keine außenpolitische Bedrohung für Afghanistan dar, weil sie selbst Afghanen sind, seit Jahrtausenden.

Weder die Inder noch die Afghanen verstehen die afghanischen Hindus als Inder; die aus Afghanistan stammenden Hindus sind religiös Hindus und ethnisch Afghanen. Ihre Vorfahren haben schon immer in den Regionen gelebt, die heute vom Staatsgebiet Afghanistans umgrenzt werden. Die hinduistischen Linien aller afghanischen Hindu-Familien gehen auf mindestens 2.000 Jahre Verwurzelung in Afghanistan zurück, wenn man den Einfluß des Buddhismus berücksichtigt; da es sich letztlich immer um Linien handelt, die in den Bergregionen des Hindukusch wurzeln, ist es durchaus berechtigt, von einem ethnischen Ursprung der afghanischen Hindus unmittelbar im Hindukusch (im Gebiet des heutigen Afghanistan) zu sprechen.

Die kulturelle und religiöse Tradition der afghanischen Hindus wurzelt in der vorislamischen Zeit, als die buddhistischen und hinduistischen Religionen sich vom Panjab kommend bis in die Bergregionen des Hindukusch ausbreiteten.

Die afghanischen Hindus können somit als die einzigen Afghanen angesehen werden, die einer Fremdbestimmung der Region des heutigen Afghanistans über die Jahrhunderte hinweg widerstanden und ihre eigenständige kulturelle und religiöse Identität als Afghanen und Hindus bewahren konnten.


Hindukusch - schon das Wort sagt es:

Hindukusch - "Berge der Hindus".

"Kuh" bedeutet in Neupersisch "Berg" (singular). Im Altpersischen und im Sanskrit wurde der Plural mit "sch" gebildet.


Vor diesem historischen Hintergrund ist die Empörung zu verstehen, mit der die im Exil lebenden afghanischen Hindus auf die islamistische, fundamentalistische Entwicklung der Regierung Karsai in Afghanistan reagieren.

Die afghanische Verfassung, und auch die Verfassungswirklichkeit, hat keinen Deut übrig für die Hindus.

Im Gegenteil, von Verfassungs wegen soll die religiöse und kulturelle Identität der Hindus ausgelöscht werden.


Damit soll eine ethnische und religiöse Minderheit ausgelöscht werden, die unter Berücksichtigung der buddhistischen Einflüsse über eine Tradition von mehr als 2.000 Jahren in Afghanistan verfügt.

Es erscheint deshalb als angebracht, einen näheren Blick auf die einzelnen Verfassungsbestimmungen Afghanistans zu werden, an denen sich Legislative und Exekutive zu orientieren haben:

Zwar gewährt Artikel 2 Satz 2 der Verfassung der Islamischen Republik Afghanistan vom 27.01.2004 Glaubens- und Religionsfreiheit für „die Anhänger anderer Religionen.“

Dies steht jedoch unter dem Vorbehalt der „Scharia“, des islamischen Gesetzes, als Staatsreligion (Art. 2 Satz 1 der afghanischen Verfassung):

„Die Religion des Staates der Islamischen Republik Afghanistans ist die heilige Religion des Islam.“

Der Vorbehalt der „Scharia“ ist in Art. 3 der Verfassung ausdrücklich normiert:

„In Afghanistan darf kein Gesetz dem Glauben und den Bestimmungen der heiligen Religion des Islam widersprechen.“

Der Vorbehalt der Scharia ist also ausdrücklich auch auf die Legislative bezogen.

Die noch im Aufbau befindliche Judikative Afghanistans ist auf absehbare Zeit nicht in der Lage, einen Zugang zu einem rechtsstaatlichen, fairen Verfahren zu garantieren. Die Maßstäbe von Art. 6 EMRK sind nicht erreicht.

Der insoweit aufschlußreiche Bericht von amnesty international

„Afghanistan – Re-establishing the rule of law“
Bericht vom 14.08.2003 – AI-Dokument ASA 11/021/2003
Quelle: http://www.web.amnesty.org/library/index/engasa110212003

beschreibt eindrucksvoll, daß die Richter der im Aufbau befindlichen Gerichtsbarkeit unter dem Einfluß von Stammes-, Familien-, Politik- und Islamistendenzen stehen und von einem fairen Verfahren (fair trial) in afghanischen Gerichten bei weitem und auf absehbare Zeit nicht die Rede sein kann.

Die Judikative Afghanistan wird darüber hinaus ihre Rechtsprechung an dem Vorbehalt des islamischen Gesetzes (Art. 3 der Verfassung) orientieren, vgl. auch Art. 130 der Verfassung (Vorbehalt des islamischen Gesetzes für die Judikative).

Daher kann von einer Glaubens- und Religionsfreiheit nach westlichem Maßstab sowie nach dem Maßstab des Art. 9 und Art. 10 EMRK nicht die Rede sein.

Es ist in Afghanistan auf absehbare Zeit nicht zu erwarten, daß Judikative und Exekutive in der Lage sein werden, das religiöse Existenzminimum von afghanischen Hindus zu gewährleisten.

Eine rein religiös motivierte, staatlich intendierte Diskriminierung der Hindus ergibt sich auch in folgenden weiteren Bestimmungen der Verfassung Afghanistans vom 27.01.2004:

1.
Beseitigung der hinduistischen Erziehung und Tradition durch den Staat

Hindus und andere religiösen Minderheiten werden Opfer von Art. 54 der Verfassung, wo die Rede ist von der „Beseitigung von Traditionen, die den Bestimmungen der heiligen Religion des Islam widersprechen“ (Wortaut des Art. 54 der Verfassung!),

Art. 54 ruft die staatlichen Institutionen auf,

„erforderliche Maßnahmen zu ergreifen“, um diese Traditionen „zu beseitigen“.

Eine derartige Verfassungsbestimmung muß als massivst denkbare Form der staatlichen Diskriminierung und religiösen Verfolgung betrachtet werden.

Art. 54 der Verfassung vom 27.01.2004 legitimiert letztlich alle staatlichen Einrichtungen Afghanistans, die hinduistische Tradition zu beseitigen und eine Erziehung der Kinder nach hinduistischer Tradition zu verhindern.


2.
Verbot der politischen Betätigung und des passiven Wahlrechts für afghanische Hindus
Vgl. Art. 62 der Verfassung vom 27.01.2004

3.
Diskriminierung aufgrund der Sprache (Hindi), die in Art. 16 der Verfassung vom 27.01.2004 nicht aufgeführt ist, jedoch die anderen ethnischen Sprachen Afghanistans sind ausdrücklich erwähnt

4.
Verweigerung des hinduistischen Religionsgesetz in Fällen persönlicher Angelegenheiten (Personenstandsrecht), und zwangsweise Anwendung des Schia-Rechtskodex auf Rechtsstreitigkeiten in persönlichen Angelegenheiten

Aus Art. 131 Satz 1 der Verfassung vom 27.01.2004 geht nämlich hervor, daß in „persönlichen Angelegenheiten der schiitischen Gläubigen“ die Gerichte den „Schia-Rechtskodex“ anzuwenden haben.

Art. 131 Satz 2 bestimmt für „sonstige Rechtsstreitigkeiten, für die es in dieser Verfassung und den übrigen Gesetzen keine Bestimmung gibt“, die Anwendung des Schia-Rechtskodex.

Damit ist der in Art. 3 der Verfassung normierte Vorbehalt der Scharia auch auf die „sonstigen Rechtsstreitigkeiten“ erweitert.

Anhänger anderer Religionen, insbesondere Hindus und Sikhs, werden dadurch in persönlichen Angelegenheit dem Religionsgesetz der Scharia unterworfen.

Insbesondere Hindus und Sikhs werden hierdurch in ihrem grundlegenden Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit elementar und auf eine nicht akzeptable Weise verletzt.

Nach deutschem Asylrecht liegen damit die Voraussetzungen staatlicher Verfolgung entsprechend § 60 Abs. 1 AufenthG vor.

Zugleich ist Art. 9 der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 04.11.1950 (EMRK) verletzt. Diese Norm kann über § 60 Abs. 5 AufenthG Bedeutung für in Deutschland geführte Asylverfahren gewinnen.


Der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland fordert:


- Keine Abschiebungen von Hindus und Sikhs nach Afghanistan,

- Änderung der afghanischen Verfassung vom 27.01.2004,

- Internationale Garantien für eine private und öffentliche Religionsfreiheit für Hindus und Sikhs in Afghanistan.


Literatur

Afghan Hindu- und Sikh Verband in Deutschland (Hg.): Ekta, Ausgabe 1, April 2005.
Afghan Hindu- und Sikh Verband in Deutschland (Hg.): Ekta, Ausgabe 2, Oktober 2005 [http: /www.hindu-tempel-essen.com]
Afghanische Hindus Gemeinde Köln (Hg.): Hari Om Mandir, Köln: Eigenverlag 2005.
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Weblinks

www.kabulnath.de
www.afghanhindu.info
www.afghanhindu.mynetcologne.de
www.hindu-tempel-essen.de
www.aasamaimandir.com
www.abschiebung.afghanhindus.de