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PRESSEERKLÄRUNG vom 11. Oktober 2007

Zentralrat fordert Abschiebungsstop und Integrationsprogramm für afghanische Hindus

Der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland e.V. fordert heute in Berlin zu einem Integrationsprogramm für afghanische Hindus und zu einem generellen Abschiebungsstop für Hindus aus Afghanistan auf.

Der Vorsitzende des Zentralrates, der Kölner Arzt Dr. Chellaram Merzadah, sagte, daß der Schutz von religiösen Minderheiten und insbesondere der Schutz der Hindus im Rahmen des Wiederaufbauprozesses offenbar vergessen ist.

„Darunter leiden die Hindus, die in vielfältiger Weise durch islamistische Kreise, durch untätige und ignorante Polizei, Behörden und Justiz schikaniert und diskriminiert werden.“

Obwohl es in den Regionen des heutigen Afghanistan schon viele Jahrhunderte länger Hindus gibt als Moslems („Hindukusch = Berge der Hindus“ !) , und obwohl die Hindus als ethnische Gruppe im Hindukusch die einzigen waren, die sich nicht vom Islam haben bekehren lassen, sondern ihre ursprüngliche Religion behielten, sollen sie jetzt offenbar endgültig aus Afghanistan verbannt und verjagt werden.

„Wenn dies eines der Ergebnisse des unter westlicher und internationaler Führung forcierten Wiederaufbauprozesses ist, dann wäre dies ein historisches Versagen der Weltgemeinschaft.“, sagte Dr. Merzadah. „Der Demokratieprozeß kann nur dann als erfolgreich bezeichnet werden, wenn – auch unter Geltung der herrschenden islamischen Mehrheit - die religiösen Minderheiten nicht verjagt, sondern integriert werden.“

Der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland e.V. fordert daher einen Abschiebungsstop für afghanische Hindus und ein Integrationsprogramm für afghanische Hindus in Kabul und Afghanistan unter dem Schutz der Weltgemeinschaft.

Denn die Lage der Hindus in Afghanistan ist prekär und aufs höchste besorgniserregend:

Der renommierte Journalist und Sachverständige Dr. Mostafa Danesch (Köln) kommt nach intensiver Forschung und Dutzenden von teils längeren Aufenthalten vor Ort zu einem für die Hindus dramatischen Ergebnis:

Unter anderem in einem Gutachten vom Januar 2006, aber auch in zahlreichen anderen Stellungnahmen vor Bundesbehörden und Verwaltungsgerichten zeigt der Sachverständige Dr. Danesch auf, daß sich die Verhältnisse in Afghanistan grundlegend zum Nachteil der Hindus verändert haben. Er spricht nunmehr davon,

„daß in der Tat für Angehörige der Hindu- und Sikh-Minderheit die Bestimmungen von § 60 (1) sowie § 60 (7) des Aufenthaltsgesetzes zutreffen, nach denen ein Abschiebungsverbot gegeben ist.“

„Darüberhinaus drohen zurückkehrenden Hindus oder Sikhs aber weitere Gefahren, die erheblich über die Gefährdung hinausgehen, welcher die Bevölkerung allgemein oder andere Rückkehrer aus Europa ausgesetzt sind.“

„…mit der Vertreibung der Taleban und dem Einsetzen der Karsai-Regierung hat sich die Lage der Hindus und Sikhs nicht entscheidend geändert.“

„Die Hindus und Sikhs in Afghanistan sind auch einer explizit kulturellen Diskriminierung ausgesetzt, die eindeutig zum Ziel hat, sie als religiöse und kulturelle Minderheit innerhalb kürzester Zeit auszulöschen.“

„Vor allem in der Religionsausübung werden die Hindus und Sikhs massiv behindert.“

„Gerade bei jungen Mädchen ist die Praxis der Zwangsbekehrung verbreitet…Diese Vorgehensweise ist kein Auswuchs, sondern wird systematisch angewendet.“

„Aus dem oben Gesagten geht hervor, daß in der Tat religiös motivierte Verfolgung von Hindus und Sikhs im heutigen Afghanistan asylrelevante Intensität erreicht. Hindus und Sikhs sind in ihrer Religionsausübung und kulturellen Identität in einem derartigen Ausmaß eingeschränkt, daß ihre Existenz als eigenständige Minderheit akut bedroht ist. Insbesondere muß der häufig getroffenen Einschätzung des Bundesamts widersprochen werden, die Regierung Karsai sei in der Lage oder bereit, Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung zu gewährleisten.
An verschiedenen Punkten – keine Zurückerstattung enteigneten Besitzes, Verbot religiöser Zeremonien, Verweigerung der Unterstützung der Gemeinden in ihren Bldungsbestre-bungen, Zwangsbekehrungen mit Rückendeckung der staatlichen Justiz usw. – wurde nachgewiesen, daß die Regierung Karsai die Hindu- und Sikh-Minderheit nicht nur nicht schützt, sondern sich aktiv an ihrer Verfolgung beteiligt. Insofern kann man für die Hindu- und Sikh-Minderheit tatsächlich von einer nichtstaatlichen wie einer staatlichen oder zumindest doch staatlich sanktionierten Verfolgung sprechen.
Des Weiteren wurde dargelegt, dass die Bedingungen, unter denen die Hindus und Sikh in ihren ehemaligen Tempeln leben, so katastrophal sind, dass eine Abschiebung in der Tat – so das Kriterium deutscher Gerichte – bedeuten würde, Rückkehrer „gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen [auszuliefern]“.“



Presseerklärung vom 09.11.2006

"Keine Religionsfreiheit in Afghanistan –
Hindus und Sikhs werden verfolgt"


BERLIN, 9. November 2006. Der Vorsitzende des Zentralrats der afghanischen Hindus und Sikhs in Deutschland e.V., der Kölner Arzt Dr. Chellaram Merzadah, hat heute in Berlin eine Dokumentation zur Lage der Hindus und Sikhs in Afghanistan vorgestellt.

In der deutschen Öffentlichkeit ist wenig bekannt, dass es in Afghanistan eine massive, religiös motivierte Diskriminierung und Verfolgung gibt, die bis heute weder von der Regierung Karsai noch von den internationalen Einrichtungen oder den deutschen Soldaten gestoppt werden kann.

Ziel dieser umfassenden religiösen Verfolgung und gesellschaftlichen Diskriminierung sind die Hindus und Sikhs, die seit über 2.000 Jahren (gemeinsam mit den Buddhisten) in den Regionen des heutigen Afghanistan leben.

“Wir sind zutiefst besorgt, dass eine Rückführung von Hindus und Sikhs nach Afghanistan zu einer großen humanitären Katastrophe führt”, sagte Dr. Merzadah. “Die deutsche Beteiligung am Wiederaufbauprozess Afghanistans sollte unter der Beachtung der Menschenrechte erfolgen; eine religiöse Minderheit, die in der neuen, in Deutschland mitentwickelten afghanischen Landesverfassung vom 27.01.2004 keine Rechte erhalten hat, darf nicht verfolgt werden; Deutschland darf diese Verfolgten nicht in ein islamistisches Land abschieben.”


Der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs erklärt:

Es wird von zahlreichen Übergriffen islamitischer Fanatiker auf einzelne Hindu-Familien berichtet. Es liegen uns zuverlässige Angaben vor, wonach minderjährige Hindu-Mädchen aus der Familie herausgerissen und mit Moslems zwangsverheiratet werden. Eine öffentliche Religionsausübung nach dem traditionellen Ritus ist den Hindus unter Strafandrohung mit der islamischen Scharia verboten. Die Regierung Karsai fördert aktiv gezielte Diskriminierung der Hindus durch staatliche Stellen mittels derer Anwendung islamischen Rechts der Scharia auf Hindus. Verwaltung und Justiz sind ausnahmslos durch ein islamisches Establishment durchsetzt, das keinen Mindeststandard an bürgerlichen oder persönlichen Rechten zulässt. Es ist bislang kein einziger Fall bekannt, in dem den Hindus etwa ihr eigenes Recht zugestanden wurde; in jedem der uns bekannten Fälle wurden die Hindus vielmehr gezwungen, sich unter das islamische Recht zu stellen.


Es scheint Ende des Jahres 2006 festzustehen, dass die Regierung Karsai die islamistisch-fundamentalistischen Kräfte nicht eindämmen kann; nach übereinstimmenden Berichten von seriösen Beobachtern wird vermutet, dass Karsai nur noch von einer Position der Schwäche aus agieren kann und vom Wohlwollen der islamischen Geistlichen abhängig ist. Ein moslemischer Rat hat die Wiederbelebung der „Behörde zur Förderung der Tugend und Abwendung der Sünde“ gefordert, die einst unter den Taliban als „Religionspolizei“ gefürchtet und berüchtigt war. Nach Medienberichten beabsichtigt Präsident Karsai, diese Vorschläge dem Parlament zu unterbreiten. Aus Sicht einer in der afghanischen Landesverfassung nicht anerkannten und ungeschützten religiösen Minderheit ist dies eine äußerst dramatische Entwicklung, die Schlimmstes befürchten läßt.


In Deutschland leben ca. 6.000 afghanische Hindus und Sikhs. Davon sind ca. 60% gut integriert und haben die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. Der Rest ist momentan von der Abschiebung nach Afghanistan bedroht. Hindu-Tempelgemeinden sind in Hamburg, Essen, Köln, Kassel, Frankfurt, Stuttgart und München aktiv.



Ansprechpartner für die Presse:
Dr. Chellaram Merzadah, Vorsitzender des
Zentralrats der afghanischen Hindus und Sikhs
in Deutschland e.V.
Am Marienstift 23
51067 Köln
Telefon 0221 684 100
Telefax 0221 68 07892
Email hindusverband@netcologne.de