Dr. Mostafa Danesch Birresborner Str. 11
Autor und Journalist 50935 Köln

Köln, 23.01.2006

Gutachten zur Lage der Hindu- und Sikh-Minderheit im heutigen Afghanistan


Vorbemerkung

Bevor ich im Einzelnen auf das Thema des Gutachtens eingehe, möchte ich hervorheben, dass ich seit ca. 12 Jahren als Gutachter für deutsche, österreichische und gelegentlich auch niederländische Verwaltungsgerichte tätig bin. In dieser Eigenschaft und im Rahmen meiner Tätigkeit als Autor und Journalist bin ich insgesamt seit dem Beginn des Krieges in Afghanistan 1978 ca. siebzig Male dort gewesen. Ich kenne die gesamte Situation in Afghanistan und auch alle politischen Akteure – sowohl die Funktionäre aus der kommunistischen Ära als auch diejenigen, die bis heute in der Hauptstadt Kabul und in den Provinzen herrschen – aus eigener Anschauung. Durch meine intensiven Begegnungen mit allen diesen Personen konnte ich oft hinter die Kulissen schauen und konnte und kann die Lage exakt beschreiben.

Insbesondere ermöglicht es mir meine langjährige, intensive Kenntnis des Landes, die heutigen Verhältnisse mit den vergangenen zu vergleichen und Entwicklungen nachzuzeichnen, die sich über Jahrzehnte hin abgespielt haben. Außerdem gibt es, da ich das Land, die Sitten, die Menschen und die Sprache kenne, für mich praktisch keine Barrieren; so bin ich beispielsweise nicht abhängig von einheimischen Informanten, die möglicherweise eigene Interessen vertreten, oder den offiziellen Verlautbarungen der afghanischen Regierung oder der in- und ausländischen Hilfsorganisationen.

Meine aktuelle Reise vom 10. bis 26. Dezember 2005 habe ich – neben meiner journalistischen Arbeit - speziell unternommen, um über die Lage zurückkehrender Flüchtlinge in Afghanistan, insbesondere aus Europa abgeschobener Asylbewerber, zu recherchieren. Mein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Lebenssituation der Hindu- und Sikh-Minderheit in Afghanistan und der Verhältnisse, die etwaige Rückkehrer erwarten würde, die dieser Minderheit angehören.

Im Einzelnen wird nachzuweisen sein, dass in der Tat für Angehörige der Hindu- und Sikh-Minderheit die Bestimmungen von § 60 (1) sowie § 60 (7) des Aufenthaltsgesetztes zutreffen, nach denen ein Abschiebungsverbot gegeben ist.

Dabei werde ich mich immer wieder auf die Berichte des Auswärtigen Amtes beziehen. Nach meiner Kenntnis wurden speziell in den letzten Monaten diese Berichte immer wieder zu Urteilen und Entscheidungen herangezogen, die meiner Ansicht nach auf falschen Grundlagen basieren. Meine Erfahrungen in Kabul und ganz Afghanistan belegen, dass diese Berichte den tatsächlichen Verhältnissen keinerlei Rechnung tragen. Tatsächlich sind die Lebensverhältnisse weit katastrophaler, als es die Berichte vermuten lassen. Den Widerspruch zum Ergebnis meiner eigenen Recherchen kann ich nur so erklären, dass die Verfasser der Berichte ihre Informationen nicht direkt gesammelt, sondern über offizielle Kanäle bezogen haben, die Interesse an einer Schönfärbung der Lage haben. Dabei will ich gar nicht unterstellen, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge aus eigenem Interesse die Abschiebung von Asylbewerbern in größerer Zahl fördern möchte. Doch möglicherweise stehen ihm realistische Informationen nicht zur Verfügung. Zu bedenken ist auch, dass in- und ausländische Informanten auch eigene Interessen vertreten. Beispielsweise wurden die Diplomaten in der deutschen Botschaft durch den Präsidenten der UNHCR, einen ehemaligen Politiker aus Europa, über die Lage der Flüchtlinge informiert. Selbstverständlich wird eine Hilfsorganisation, deren Mitarbeiter enorme Gehälter für ihren Auslandseinsatz beziehen, die positive Wirkung ihrer Arbeit herausstellen. So musste ich bei meiner jüngsten Reise wiederum feststellen, dass deutsche Diplomaten, obwohl sie vor Ort sind, die wahren Lebensverhältnisse der afghanischen Flüchtlinge nicht kennen, und sich erschüttert über meine diesbezüglichen Aussagen äußerten. Ich konnte mich in Kabul davon überzeugen, dass nicht nur die deutsche, sondern alle ausländischen Botschaften, Hilfsorganisationen und alle ausländischen Truppenkontingente sich buchstäblich hinter Beton verbarrikadieren und wenig Kontakt zur afghanischen Realität haben.

Ich möchte noch eine weitere Anmerkung vorausschicken. In zahlreichen Bescheiden und Urteilen oder bei Anhörungen – beispielsweise in einem mir vorliegenden Bescheid des Bundesamts vom 29.11.2005 in einem Verfahren beim Verwaltungsgericht Wiesbaden oder in einer Anhörung beim Verwaltungsgericht Köln am 10.01.2006 – wird aus einem meiner Gutachten vom 05.08.2002 zitiert und damit begründet, dass eine Gefährdung für Angehörige der Hindu- und Sikh-Minderheit in Afghanistan nicht gegeben sei. In der Tat schrieb ich damals: „Grundsätzlich gilt, dass Angehörige der Schiiten und Hindus heute in Afghanistan keine Verfolgung zu befürchten haben. (…) Die Hindus waren in den letzten Jahren an den Kämpfen und Massakern in Afghanistan nicht beteiligt gewesen, so dass man ihnen heute keine Verbrechen irgendeiner Art vorwerfen kann. Obwohl sie von den Mudjahedin und Taleban verfolgt waren, haben sie heute keine große Gefahr für ihr Leben zu fürchten.“

Diese Lage hat sich inzwischen allerdings grundsätzlich verändert. Das zitierte Gutachten für das Verwaltungsgericht Schleswig-Holstein vom August 2002 wurde kurz nach der Loja Jerga, der „großen Versammlung“ vom Juni 2002, verfasst, auf der Präsident Karsai im Amt bestätigt und ein Verfassungsentwurf in Auftrag gegeben wurde. Nach dem relativ ruhigen Verlauf der Stammesversammlung schien zunächst eine positive Entwicklung in Afghanistan absehbar zu sein, so dass ich in meinem zitierten Gutachten mit Recht eine Entspannung der Gefahrenlage für Angehörige von Minderheiten, in diesem Fall der Hindus, konstatieren konnte. Gestützt wurde dieser Eindruck auch dadurch, dass viele nach Indien geflüchtete Hindus große Hoffnungen auf eine Demokratisierung des Landes und die Möglichkeit einer Rückkehr nach Afghanistan hegten. Hatte Präsident Karsai damals doch den religiösen Minderheiten versprochen, ihre religiöse und kulturelle Unterdrückung zu beenden und enteigneten Besitz zurückzugeben. Sie würden Wiedergutmachung für die unter den Taleban und Mujahedin erlittenen Verfolgungen erhalten. In diesem Glauben kehrten damals auch Hindus und Sikhs nach Afghanistan zurück, wo sie als gleichberechtigte Bürger zu leben hofften. In dieser Phase, in der die neue afghanische Regierung ihre Arbeit praktisch noch nicht begonnen hatte und das Land sich in einer Umbruchssituation befand, war man als politischer Beobachter zunächst auf die abgegebenen Absichtserklärungen Karsais angewiesen, die natürlich auch der politischen Opportunität und dem Wunsch geschuldet waren, vor der internationalen Gemeinschaft einen guten Eindruck zu erwecken.

Doch nur wenig später sollte sich erweisen, dass die Entwicklung in Afghanistan eine andere Richtung nahm. Bereits in einem weiteren Gutachten für das Verwaltungsgericht Wiesbaden vom 07.11.2003 relativierte ich meine Aussage aus meinem Gutachten für das VG Schleswig und stellte u.a. fest: „Insofern kann man heute davon ausgehen, dass die Gefahrenlage für religiöse Minderheiten sich grundlegend anders darstellt als noch vor etwas über einem Jahr. (…) Derzeit besteht in […] Gebieten, in denen in letzter Zeit eine rasante Islamisierung stattgefunden hat, für Angehörige religiöser Minderheiten große Gefahr. Denn nach der Scharia werden sie als „Götzendiener“ verfolgt, was durchaus auch in einer Gefahr für Leib und Leben resultieren kann. [Das Überleben eines Rückkehrers] ist unter diesen Umständen keineswegs gesichert. (…) [Es] ist – konkret auf die Verhältnisse im Jahr 2003 bezogen - im Fall von Angehörigen der Hindu-Minderheit meines Erachtens das Kriterium sowohl für eine quasi-staatliche Verfolgung in den autonomen Einflusszonen der Kriegsherren als auch für eine staatliche Verfolgung insgesamt gegeben.“

Mir ist unverständlich, warum bis heute in Gerichtsurteilen und Bescheiden nur mein Gutachten aus dem Jahr 2002 zitiert wird, das eine überholte Einschätzung einer inzwischen abgeschlossenen Phase der afghanischen Entwicklung darstellt, statt neuere Gutachten von mir heranzuziehen, in denen ich angesichts der veränderten Lage auch zu einem anderen Urteil gelange. Ich kann mir nur vorstellen, dass natürlich die Begründung einer Abschiebung leichter fällt, wenn man meine – aus dem historischen Zusammenhang gerissenen - Sätze aus dem Jahr 2002 heranzieht. Selbstverständlich kann ein Gutachter immer nur eine Aussage über die gegenwärtige Lage treffen und die zentrale Frage, wie sich die Gefahrenlage bei einer Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt gestalten würde, so aktuell wie möglich zu beantworten. Ich wiederhole noch einmal, dass meine Einschätzung aus dem Jahr 2002 für jetzt schwebende Abschiebeverfahren von keinerlei Bedeutung mehr ist, da sie die Verhältnisse in Afghanistan seither grundlegend verändert haben. Wie ich beispielsweise in der oben zitierten Gerichtsverhandlung vom 10.01.2006 erklärte, hat sich die Gefahrenlage für Hindus und Sikhs bei einer eventuellen Rückkehr nach Afghanistan bedeutend verschärft.

Geschichte der Hindus und Sikhs in Afghanistan

Historisch sind in Afghanistan nach den Muslimen die Hindus die größte Glaubensgemeinschaft. Hindus leben seit Jahrhunderten auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan. Viele Quellen nennen für die Zeit vor 1992, d.h. vor der Machtübernahme der islamitischen Mujaheddin und dem Beginn der Diskriminierung und der Menschenrechtsverletzungen gegen Hindus und Sikhs, von 130.000 bis 200.000 Personen. Zur Zeit des letzten „kommunistischen“ Präsidenten Najibullah waren es allein in Kabul über 100.000. Offiziellen Angaben zufolge lebten damals in Afghanistan 98 % Muslime und 2 % Hindus und Sikhs. Wenn man davon ausgeht, dass unter Najibullah laut UN-Angaben Afghanistan eine Bevölkerung von 20 bis 22 Millionen hatte, wären dies allerdings weit mehr gewesen, nämlich ca. 400.000. Wie immer in einem Land, in dem es auch zu seinen besten Zeiten weder Volkszählung noch Meldepflicht gab, bleiben die Zahlen also unklar. Ebenso klar ist jedoch, dass heute nur noch ein verschwindend geringer Teil dieser damals bedeutenden Minderheit im Lande verblieben ist.

Die Hindus hatten traditionell in der afghanischen Gesellschaft, die tief islamisch geprägt ist, mit Diskriminierung wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit zu rechnen. Der Islam, der nur das Christentum und das Judentum als weitere „Buchreligionen“ anerkennt, betrachtet die Hindus als „Götzendiener“ und „Gottlose“. De facto jedoch spielten die Hindus eine zentrale Rolle in der Gesellschaft, da sie eine beherrschende Stellung in der Finanzwelt einnahmen. Zu dieser Stellung konnten sie gelangen, da es im Islam untersagt ist, Geld gegen Zinsen zu verleihen. So konnten die Hindus in dem Maße, in dem sich die afghanische Gesellschaft modernisierte, großen Einfluss im Finanz- und Bankenwesen gewinnen – eine Stellung ähnlich der der Juden in europäischen Gesellschaften der frühen Neuzeit. Zudem waren sie sehr „einträgliche“ Staatsbürger, da historisch in islamischen Gemeinwesen die Nicht-Muslime eine Sondersteuer zu zahlen hatten. Selbst unter Zahir Schah war das noch der Fall. So waren die wohlhabenden Hindus und Sikhs eine willkommene Finanzquelle des afghanischen Staates.

Ihre „Blütezeit“ erlebten die Hindus nach dem Umsturz von 1978. Da sich die „Kommunisten“ die Gleichberechtigung der nationalen und religiösen Minderheiten auf die Fahnen geschrieben hatten, war es den Hindus und Sikhs nun möglich, ihren Einfluss in der Finanzwelt auszubauen und darüber hinaus ihre soziale und gesellschaftliche Stellung zu verbessern. Bei meinen zahlreichen Reisen nach Afghanistan habe ich in Kabul zwischen 1978 und 1992 Tausende Hindus gesehen, die in der Finanzwelt, der Wirtschaft und in der Verwaltung bis hinauf ins ZK der DVPA vertreten waren. Insbesondere in der Finanzwelt nahmen sie eine hervorragende Stellung ein und kontrollierten praktisch das gesamte Finanzwesen. Das Hauptfinanzzentrum Afghanistans war damals das „Saray-e Schazdah“ am Kabul-Fluss in der Stadtmitte, ein dreistöckiges Gebäude mit Innenhof, wo täglich Tausende Händler mit Devisen handelten, praktisch das finanzielle Herz des Landes. Hier waren unter Najibullah Hunderte von Sikhs und Hindus als Devisenhändler tätig und kontrollierten praktisch den gesamten Devisenmarkt Afghanistans. In den umliegenden Bazarvierteln sah ich im Laufe dieser Zeit Tausende von Hindus und Sikhs, die dort Läden betrieben und mit Stoffen, Gewürzen und Lebensmitteln handelten. Der gesamte Stoffbazar war in ihren Händen. Viele handelten auch mit Schmuck und Goldwaren. Ich gehe davon aus, dass die Zahl von 100.000 Hindus und Sikhs, die zur Najibullah-Zeit noch in Kabul gelebt haben sollen, korrekt ist. Nach meinem eigenen Eindruck waren es jedoch noch weit mehr.

Große Hindugemeinden gab es auch in Kandahar, Jalalabad, Khost, Gardiz, Gazneh und Kundus. Auch dort zählten sie nach Tausenden, die in den oben angesprochenen Wirtschaftssektoren tätig waren, und bildeten starke Gemeinschaften. Gerade weil diese Gemeinden in einem traditionell denkenden, muslimischen Land existierten, in dem sie als „Gottlose“ betrachtet wurden, wiesen sie einen engen Zusammenhalt auf. Da viele ihrer Mitglieder wohlhabend waren, konnten es sich diese Gemeinden leisten, ärmere Mitglieder zu unterstützen und große Bildungsanstrengungen zu unternehmen. Während meiner Reisen in Afghanistan habe ich ganze Wohnviertel angetroffen, in denen fast ausschließlich Hindus und Sikhs lebten. Diese Viertel waren sichtlich wohlhabend. Eines dieser Wohngebiete lag zur Najibullah-Zeit im Kabuler Nobelviertel Kart-e Parwan. Dort lebten mehr als Tausend Hindu- und Sikhfamilien in einem Villenviertel mit prachtvollen Häusern. Insbesondere viele Sikhs waren hier zu Reichtum gelangt. Mitten in diesem Wohngebiet lag der wichtigste und reichste Tempel des Landes, das Zentrum der Gemeinschaft. Jeder Hindu oder Sikh, der bedürftig war, konnte sich an die Gemeinde wenden. In Kabul gab es für die Hindu-Kinder sechs große Schulen mit je mehr als 1000 Kindern. Eine dieser Schulen befand sich unmittelbar in der Nähe des Zentraltempels und wurde von mehr als 1.500 Kindern besucht. Seit Jahrzehnten stellte der afghanische Staat dazu Mittel des Bildungsministeriums zur Verfügung, setzte Lehrer ein und stellte einen staatlichen Lehrplan. Alle Fächer wurden unterrichtet. Diese Schulen waren also durch den afghanischen Staat anerkannt und wurden entsprechend gefördert. Auf der anderen Seite besuchten zu dieser Zeit, als die Hindus und Sikhs von staatlicher Seite als Minderheit anerkannt waren und gefördert wurden, viele Hindu- und Sikhkinder staatliche afghanische Schulen. Insgesamt wurde ihnen durch diese Politik der soziale Aufstieg ermöglicht, so dass viele Hindus Universitäten besuchten und als Ärzte, Ingenieure, Manager in der Industrie und im Finanzwesen sowie in der Regierung zur Elite des Landes gehörten. Häufig konnte ich als Journalist beobachten, dass Hindus unter Najibullah in den Ministerien, besonders im Außenministerium, vertreten waren. Die starke Kabuler Hindu- und Sikh-Gemeinde zog die ärmeren Hindu-Gemeinden von Kabul und in anderen Städten quasi mit und ließ sie an ihrem Reichtum und Einfluss teilhaben. Auch der größte Teil des Im- und Exports lag praktisch in der Hand der Hindus, hier spielten die Hindu-Gemeinden in grenznahen Städten wie Kandahar im Süden und Jalalabad im Osten, beide nicht weit von der pakistanischen Grenze entfernt, eine große Rolle.

Die Sikhs und Hindus erlebten also unter den „Kommunisten“ eine Blütezeit und einen Höhepunkt an Macht und Einfluss. Damit allerdings zogen sie den Hass der muslimischen Bevölkerung, insbesondere der Mujahedin, auf sich, die sahen, dass das verhasste Regime eine Minderheit förderte und sozial hochkommen ließ, in der diese islamischen Fundamentalisten „Götzendiener“ und „Ungläubige“ sahen. Auch dass gerade diese Ungläubigen durch die Förderung der „Kommunisten“ zunehmend zu Macht, Reichtum und politischem Einfluss gelangten, verbitterte die Fundamentalisten. Selbst den „ärmeren“ Hindus, z.B. den mittelständischen Bazarhändlern, ging es vergleichsweise besser als Afghanen in derselben Stellung.

Mit dem Einmarsch der Mujahedin nach Kabul 1992 wurde die gesamte Infrastruktur der Hindu- und Sikhgemeinschaften zerstört. Viele Gemeindemitglieder wurden getötet, auch, um zu erreichen, dass sie Gemeinden das Land fluchtartig verließen. Viertel wie das genannten Kart-e Parwan waren plötzlich menschenleer, die Bewohner geflohen. Ihre Häuser wurden von mächtigen Mujahedin-Kommandanten beschlagnahmt. Auch im Geldbazar, dem Saray-e Schazdah, und den umliegenden Bazaren wurden die hinduistischen Händler vertrieben, ihre Geschäfte konfisziert. Der Terror ging so weit, dass auch die ärmsten Hindus, wie einfache Ladenbesitzer, entweder getötet wurden oder über Nacht aus dem Land flohen.

Versorgungslage und Sicherheit im heutigen Afghanistan

Bevor ich im Einzelnen auf die heutige Lage der Hindus eingehe, muss ich allgemein schildern, wie sich die Versorgungslage und die Sicherheit von Rückkehrern nach Afghanistan darstellen. In Gerichtsurteilen und Bescheiden in Asylverfahren wird in letzter Zeit häufig – unter Bezug auf die Berichte des Auswärtigen Amts, beispielsweise vom 3. November 2004 und vom 21. Juni 2005 – die Behauptung aufgestellt, die Versorgungslage in Kabul und anderen Landesteilen habe sich grundsätzlich verbessert. Es sei nicht ersichtlich, dass ein Rückkehrer in Kabul – entweder durch Leistungen von Hilfsorganisationen oder eigene Arbeit - nicht das zum Existenzminimum Notwendige erlangen könne. Auch die Sicherheitslage sei durch die Anwesenheit der internationalen Truppen verbessert, wenngleich immer noch fragil. Daraus wird der Schluss gezogen, eine Abschiebung nach Afghanistan bedeute keinesfalls, den Kläger gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen auszuliefern. Dieser Einschätzung muss widersprochen werden. Die Lage zurückkehrender Flüchtlinge ist in der Tat so katastrophal, dass sie unmittelbar eine Existenzgefährdung für die Rückkehrer darstellt, so dass sich meiner Einschätzung nach gegenwärtig eine Abschiebung nach Afghanistan überhaupt verbietet. Zum anderen wird erst vor dem Hintergrund der allgemein schlechten Lage deutlich, um wie viel schwieriger sich noch die Lebenssituation der in Afghanistan verbliebenen bzw. eventuell dorthin zurückkehrenden Hindus und Sikhs darstellt.

Gleich zu Beginn ist das Argument zu entkräften, durch die Anwesenheit der internationalen Hilfsorganisationen sei in Kabul eine Grundversorgung der Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln und Wohnraum gegeben. Insbesondere wird in Gerichtsurteilen und Bescheiden immer wieder Bezug auf die Anwesenheit der UN und ihrer humanitären Organisationen genommen.

Bei meiner Reise im Dezember hatte ich mehrmals Gelegenheit, mit Vertretern der UN-Organisationen ausführlich über die Lage der Flüchtlinge und Rückkehrer und die Hilfen, die ihnen gewährt werden, zu sprechen. Der Vertreter der UNHCR erklärte mir, im Jahr 2002 habe seine Organisation begonnen, Rückkehrer zu begleiten, die freiwillig nach Afghanistan zurückkehrten. 3,5 Millionen Afghanen seien zwischen 2002 und 2005 von der UNHCR unterstützt worden. Von diesen seien weniger als 1 Million aus dem Iran und 2,5 Millionen aus Pakistan gekommen. Rückkehrer aus Europa spielen zahlenmäßig keine große Rolle.

Im Folgenden ist speziell die Lage in Kabul zu betrachten; allgemein gestehen die Gerichte und das Bundesamt zu, dass für Afghanistan allenfalls eine Abschiebung nach Kabul in Frage komme. Es ist also zu fragen, ob ein Rückkehrer aus Europa in der Hauptstadt eine Aussicht hat, seine Existenz zu sichern.

Die afghanische Hauptstadt ist durch den Zustrom von Rückkehrern aus den Nachbarländern sowie Binnenflüchtlingen stark angewachsen. Nachdem Kabul im Gefolge der Jahre langen Bürgerkriege stark entvölkert worden war – bis zum Ende der Taleban-Herrschaft war die Einwohnerzahl von einst ca. 3 Millionen auf 1 Million gesunken -, wuchs die Stadt in den darauf folgenden Jahren erneut auf etwa 2,5 Millionen. Gerade in den letzten zwei Jahren jedoch ist die Bevölkerungszahl noch einmal sprunghaft angestiegen, nach offiziellen Angaben auf 4,5 Millionen. Mein eigener Eindruck allerdings – da ich die Stadt seit fast dreißig Jahren kenne, glaube ich dies beurteilen zu können – ist, dass die wirkliche Zahl über 5 Millionen beträgt. Diese Einschätzung teilen auch mehrere afghanische Journalisten und Politiker, mit denen ich sprach. Insgesamt sind laut Aussagen der UNHCR in den letzten drei Jahren ca. 4,4 Millionen Afghanen, die zuvor nach Iran oder Pakistan geflüchtet waren, ins Land zurückgekehrt. Problematisch ist die geographische Lage Kabuls: Da die Stadt in einem von hohen Bergen umgebenen Talkessel liegt, ist die Möglichkeit zur räumlichen Ausdehnung von Ansiedlungen beschränkt. Auf diesem engen Raum drängen sich Millionen Menschen, von denen die meisten in den letzten Jahren als Flüchtlinge in die Stadt gekommen sind. Das Verkehrschaos, die Luftverschmutzung und der Müll in Kabul sind unbeschreiblich.

Ein UN-Vertreter bestätigte mir, die Mehrheit der Flüchtlinge kehre nicht in die Dörfer zurück. Da die Landwirtschaft am Boden liege, seien auch viele Rückkehrer, die ursprünglich vom Lande stammten, in die Städte geströmt, besonders nach Kabul. Natürlich säßen die meisten der ca. 2.400 Hilfsorganisationen in Kabul, so dass in der Bevölkerung der Eindruck entstanden sei, dort würden sie von ihnen versorgt. So streben Millionen Afghanen nach Kabul in der Hoffnung, dort Hilfe – Infrastruktur, medizinische Versorgung, Wohnraum - zu erhalten. Diese Hoffnung trügt jedoch in den meisten Fällen. Hunderttausende Binnenflüchtlinge sind nicht einmal von den Hilfsorganisationen erfasst und vegetierten einfach an verschiedenen Orten dahin.

Die UN versucht zwar, die Flüchtlingsströme zu lenken und die Menschen zur Wiederansiedlung in den Provinzen zu bewegen. Immer wieder wird in Gerichtsurteilen darauf hingeweisen, dass die UNHCR mit diversen NGO-Organisationen eine Vereinbarung über die Errichtung einer begrenzten Zahl von Unterkünften auf dem Land und in der Umgebung von Kabul geschlossen habe. Dass dieses Programm zum einen relativ wirkungslos ist und zum anderen für Rückkehrer aus Europa überhaupt nicht greift, soll im Folgenden näher beleuchtet werden.

Grundsätzlich erhält jede in Kabul eintreffende Familie – also auch abgeschobene Rückkehrer aus Europa - von der UN eine einmalige Hilfe von 12 Dollar pro Person. Dann sind die Menschen auf sich gestellt und müssen selbst nach einer Unterkunft suchen. Weitere Hilfen durch die UN oder Nicht-Regierungsorgansiationen (NGOs) gibt es momentan in Kabul nicht. Ein UN-Vertreter schilderte mir, wie genau das Ansiedlungsprogramm auf dem Land sich gestaltet.

Die Flüchtlinge würden zuerst nach Kabul in eine Sammelstelle der UNHCR im Osten der Stadt, auf dem Weg nach Jalalabad, gebracht. Dort werde die einmalige Hilfe ausgezahlt. Anschließend brächten Transportfirmen, die von der UN bezahlt werden, sie zu ihren Heimatorten. Auf meine Frage an den UNHCR-Vertreter, ob dies alles sei, oder ob die Flüchtlinge noch weitere Hilfen erhielten, betonte dieser, zwischen 2002 und 2005 hätte das World-Food-Programme (WFP) einem Teil der Flüchtlinge noch folgende, einmalige Hilfe zukommen lassen: pro Familie (afghanische Familien bestehen durchschnittlich aus 8 bis 10 Personen) ein Zelt, einen Eimer, 50 kg Getreide, zwei Stück Seife und einige Meter Stoff für die Frauen. Eine weitere Hilfe außer dieser einmaligen Gabe innerhalb von drei Jahren gab es nicht. Auf weitere Nachfragen erklärte er, wer bereit war, Kabul zu verlassen und in der Heimatregion – also weitab der Zivilisation – Grundbesitz habe, habe Baumaterial erhalten, um sich auf ihrem eigenen Land neue Häuser zu errichten. Wohl gemerkt, diese Hilfen kommen nicht allen Flüchtlingen zu Gute, sondern nur den Ärmsten der Armen unter ihnen. Zwischen 2002 und Ende 2005 – also in knapp vier Jahren – seien auf diese Weise 140.000 Häuser gebaut worden. Dabei ist jedoch darauf hinzuweisen, dass dies primitivste Zweiraumhäuser ohne Kanalisation, Elektrizität oder sonstige Einrichtungen außer einer einfachen Toilette sind, und dies für durchschnittlich acht bis zu fünfzehn oder zwanzig Personen. Wovon die Flüchtlinge leben, während sie ihre Häuser bauen, ist ihre eigene Angelegenheit. Der UNHCR-Vertreter wies darauf hin, dass seine Organisation auch versuche, Wasserstellen einzurichten. In den letzten vier Jahren, so seine Angaben, seien für 3,5 Millionen Flüchtlinge auf dem Lande 8.200 Wasserstellen geschaffen worden. Auch hier wurde also nur ein Bruchteil der Flüchtlinge versorgt. Zudem gelingt unter diesen primitiven Verhältnissen die Ansiedlung oft nicht, und die Bauern fliehen zurück in die Städte. Außerdem ist noch einmal deutlich darauf hinzuweisen, dass dieses Programm weitab in den Provinzen stattfindet und für Rückkehrer aus Europa – denen das Bundesamt und die Gerichte ja zugestehen, dass man sie allenfalls nach Kabul abschieben könne – nicht von Belang.

Auch das afghanische Ministerium für Rückkehrer versucht, Flüchtlinge auf dem Land neu anzusiedeln, hat dafür jedoch nur ein geringes Budget zur Verfügung. Ich sprach mit dem afghanischen Minister für Rückkehrer, Dr. Azam Dadfar. Er habe keinerlei Mittel für die Integration der Flüchtlinge zur Verfügung, erklärte der Minister. Die Hilfsgelder flössen sofort wieder an die ausländischen Organisationen zurück, um beispielsweise Gehälter zu finanzieren. Das Budget seines Ministeriums betrage nur 2,7 Millionen US-Dollar jährlich. Mit dieser Summe könne er nicht einmal die Gehälter der 1140 Beamten seines Ministeriums zahlen und erst recht nicht 4,4 Millionen Flüchtlinge versorgen. Dennoch mache er aus der Not eine Tugend und versuche, weit von den Städten entfernt, in den ländlichen Gebieten, staatlichen Grund und Boden an die Flüchtlinge zu verteilen. Doch dort gebe es keinerlei Infrastruktur. Er hoffe, so zumindest in den nächsten Jahren 200.000 Familien zu helfen. An einem konkreten Beispiel konnte ich mich selbst davon überzeugen, wie diese „Hilfe“ aussieht: 15 km außerhalb der Stadt Mazar-e Sharif im Norden liegt ein kleiner Ort namens Share Nour. Das Gelände dort ist eine unfruchtbare Salzwüste. Dieses Land hat das Ministerium an Rückkehrer aus Pakistan verteilt. Mit eigenen Augen sah ich mehr als 200 Familien, die man einfach dort in der Wüste abgesetzt hatte. Jede Familie hatte einmalig ein Zelt, ein paar Töpfe und ungefähr 100 kg Getreide erhalten, sowie ein wenig Holz und Bauschutt. Damit – und mit den 12 Dollar „Begrüßungsgeld“ von der UNHCR – sollten sie sich nach der Vorstellung des Ministers ein neues Leben aufbauen. Weitere Hilfen dürfen sie nicht erwarten. Frauen und Kinder waren in dem Lager nicht zu sehen; angeblich wanderten sie täglich die zwei bis drei Stunden nach Mazar-e Sharif, um dort zu betteln; möglicherweise auch, um sich zu prostituieren. Es gab weder Wasserstellen, elektrischen Strom, Heizmöglichkeiten oder sonstige Infrastruktur. Die Männer waren damit beschäftigt, mit bloßen Händen Lehmziegel herzustellen und daraus primitive Hütten zu errichten. Ein Familienvater erklärte mir, durch die Kälte und den Hunger seien bereits zwei seiner Kinder gestorben; eines sei zwei, das andere vier Jahre alt gewesen. Nach den übrigen seiner sechs Kinder befragt, berichtete er, sie seien ebenfalls zum Betteln in die Stadt gegangen. Er hoffe, dass sie ein wenig Essen, das sie aus dem Abfall geklaubt hätten, und vielleicht ein paar Afghani mitbrächten. Alle Familienmitglieder seien krank, er rechne nicht damit, dass sie noch lange leben würden. Nicht einmal Süßwasser gebe es, er müsse zum Trinken Salzwasser aus einigen Kilometern Entfernung heranschleppen. Die gleichen Verhältnisse traf ich in einem anderen Lager einige Kilometer südlichen von Mazar-e Sharif an.

Für abgeschobene Asylbewerber bleibt also praktisch nur die Option, sich in der Hauptstadt Kabul niederzulassen. Dies gestehen auch die Gerichte zu, weisen aber immer wieder darauf hin, dass sich die Lebensverhältnisse dort, u.a. durch die Anwesenheit der internationalen Hilfsorganisationen, verbessert hätten. Die Wohnsituation der Flüchtlinge ist katastrophal.

Als Beispiel soll ein Zeltlager für Flüchtlinge an der Tamani-Straße Richtung Kheirkhane im Norden von Kabul dienen. Auf dem Gehweg vor den Läden der Bevölkerung sind siebzig, achtzig zerlumpte Zelte aufgestellt, die größtenteils aus alten Säcken und Plastikplanen zusammengestückelt sind. Sie stehen buchstäblich in der Gosse, durch die das Abwasser abfließt. In diesen so genannten Unterkünften hausen etwa tausend Menschen auf dem nackten Boden. Acht- bis zehnköpfige Familien leben mit nur ein paar zerrissenen Decken als Einrichtung auf acht oder zehn Quadratmetern. Die vielen Kinder sind schutzlos den Dezembertemperaturen ausgeliefert, die in der Nacht auf bis minus zehn Grad fallen. Die Kinder sind abgemagert, unterernährt und krank. Ein solches Schicksal würde auch Flüchtlinge erwarten, die aus Europa nach Afghanistan abgeschoben werden.

Ein weiteres Flüchtlingslager liegt an der Hauptstraße zwischen dem Kabuler Flughafen und der Stadt, das so genannte „Camp-e Wabika“. Dort sind Flüchtlinge aus Pakistan und Iran untergebracht. Drei so genannte Betonhäuser (quasi Fabrikgebäude ohne Fenster, die nach außen durch Decken und Plastikplanen abgeschirmt werden; eigentlich Ruinen aus der Najibullah-Zeit, die abgetragen werden müssten) mit je drei Etagen beherbergen die Flüchtlinge. Eines der Häuser ist innen provisorisch ausgebaut, jede Etage ist in vierzehn abgeschlossene Räume aufgeteilt, die jeweils etwa zehn Quadratmeter groß sind. In jedem dieser Zimmer lebt eine Familie mit zehn bis zwölf Personen auf dem nackten Betonboden, ohne Wasser, ohne Elektrizität, ohne Heiz- oder Kochmöglichkeiten, ohne Fenster und Türen. Auch hier wird es nachts bis zu zehn Grad unter Null kalt. In den anderen beiden Häusern haben die Flüchtlinge die je drei Etagen, die wie Lagerhallen aussehen, mit Decken und Plastikplanen abgeteilt. Jede Etage umfasst nicht mehr als 100 Quadratmetern. Auf jeder dieser Etagen leben 100 bis 150 Personen ohne jeden weiteren Komfort. Auf einer dieser Etagen befand sich in einer Wand ein Loch, hinter dem sich ein kleiner Raum von zwei Mal zwei Metern Größe befand. Es war so dunkel, dass ich kaum wagte, ihn zu betreten. Nach einigen Minuten hatten meine Augen sich an das Dunkel gewöhnt, und ich konnte drei alte Menschen, darunter eine Frau, erkennen, die auf diesen vier Quadratmetern unter ein paar Decken dicht beieinander lagen, um sich gegenseitig zu wärmen – menschenunwürdige Verhältnisse, angesichts derer die Einschätzung der Gerichte, in Kabul könne ein Rückkehrer durch die ausländische Hilfe seine Existenz sichern, als reine Ironie erscheint.

In diesen gesamten drei Häusern leben insgesamt 1.100 Menschen, darunter viele Kinder. Auch ein Metallcontainer befindet sich dort; einige Menschen haben es vorgezogen, sogar bei den eisigen Temperaturen in den Container zu ziehen, statt in den „Häusern“ zu wohnen, einige wenige andere haben primitive Zelte errichtet. Vor dem Komplex befindet sich eine einzige Wasserstelle mit nur einem Wasserhahn, Waschen und Duschen ist nicht möglich. Acht Latrinen bestehen nur aus Löchern, die in den Boden gegraben sind, und sind in dieser Situation eine Quelle von Infektionen und eine Seuchengefahr. Auf meine Frage an die Flüchtlinge, ob sie je Unterstützung durch die Regierung oder Hilfsorganisationen erhalten hätten, teilten sie mir folgendes mit: Seit vier Jahren lebten sie in diesem so genannten Lager. Ein einziges Mal habe sich in dieser Zeit das Rote Kreuz sehen lassen. Damals habe jede Familie eine einmalige Zuteilung von sieben Kilo Erbsen und Zucker sowie achtundzwanzig Kilo Reis erhalten – ein einziges Mal in vier Jahren für eine Familie von acht bis zehn Personen!

Im Zeltlager der UNHCR auf dem Weg nach Jalalabad im Osten von Kabul traf ich einen Vertreter des afghanischen Ministeriums für Rückkehrer namens Zamani. Ich fragte ihn, welche Hilfen die Flüchtlinge über die 12 Dollar hinaus bekämen. Seine Auskunft: Er sei seit 2002 in diesem Lager tätig, wo alle neu in Afghanistan eintreffenden Flüchtlinge ankämen. Nicht ein einziges Mal sei ein Vertreter seines Ministeriums dort gewesen, um zu helfen. Er selbst sei nur als Beobachter und für die Regelung der technischen Abläufe anwesend. Im Ausland habe man unter den Regierungen und Hilfsorganisationen die Information verbreitet, eine ausländische UN-Institution namens International Organization for Migration (IOM) kümmere sich um die Flüchtlinge, die aus Europa kämen. Die Wahrheit sei jedoch, dass diese Organisation nur die Transportkosten übernehme, aber den Flüchtlingen keine weitere Hilfe zukommen lasse. In dem Fall, dass einige wenige der Flüchtlinge selbst Geld hätten, um beispielsweise ein Geschäft zu eröffnen, könnten sie eventuell von der Organisation einen Zuschuss von 1000 Dollar erhalten. Doch das sei sehr selten; wenn ein Flüchtling Tausende Dollar besäße, um ein Geschäft zu gründen, sei er schließlich auf dieses Geld nicht angewiesen. Praktisch sei ihm kein Fall bekannt, in dem die IOM auf diese Weise Flüchtlingen geholfen habe.

Es kann also keine Rede davon sein, dass die Versorgung der Flüchtlinge durch die Hilfsorganisationen gewährleistet sei. In den letzten vier Jahren war kein Regierungsvertreter in diesem Lager – ebenfalls nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, was der zuständige Minister oben berichtete. Auf die Frage, wovon sie überhaupt lebten, erklärten die Flüchtlinge, die Frauen gingen betteln, die Kinder gingen betteln oder lungerten verwahrlost herum (Schulen gibt es für sie natürlich auch nicht), und die Männer könnten, wenn sie Glück hätten, gelegentlich tageweise Arbeit in der Baubranche finden und dort ca. 2 Dollar am Tag verdienen. Die Baubranche ist zur Zeit die einzige Branche, die wächst, da es sich durch die hohen Mieten, die man von den ausländischen Helfern verlangen kann, lohnt, neue Häuser zu errichten. Auch inmitten der allgemeinen Armut gibt es genug Drogenbarone, ehemalige Mujahedin-Kommandanten und Kriegsfürsten, die enorme Reichtümer angehäuft haben und entweder neue Mietshäuser für reiche Ausländer oder Luxusvillen für sich selbst bauen können. Die verarmte Bevölkerung oder die Flüchtlinge haben davon nichts.

Erschwinglicher Wohnraum außerhalb der Flüchtlingslager existiert für Rückkehrer nicht. Zwei junge Ärzte aus dem Maiwand-Krankenhaus, mit denen ich über die medizinische Versorgung der Bevölkerung sprach, erzählten mir über ihre privaten Lebensverhältnisse, dass sie zusammen wohnten und ihre niedrigen Gehälter für eine Zweizimmerwohnung zusammenlegten. Diese sei feucht und ungeheizt. „Wir sind Ärzte und gehören angeblich zur Elite der Gesellschaft, und dennoch haben wir keine Möglichkeit, unsere Räume zu heizen. Für diese primitive Wohnung bezahlen wir 250 US-Dollar im Monat.“ Dass Flüchtlinge, die mit Glück ein paar Dollar pro Tag verdienen, sich wenigstens eine primitive Wohnung leisten können, ist völlig aussichtslos. Die Ärzte berichteten noch, in 48 Stunden hätten sie nur vier Stunden Elektrizität zur Verfügung. Tatsächlich haben laut dem Ministerium für Energie und Wasserversorgung ca. 90 % der Bevölkerung überhaupt keinen Zugang zu elektrischem Strom. Der stellvertretende Energieminister erklärte mir, in Europa und Amerika würden jährlich ca. 1.600 Kilowatt Strom pro Person verbraucht. Afghanistan hätte nicht einmal 30 Kilowatt pro Person und Jahr zur Verfügung.

Nicht nur die Wohnungsmieten sind in Kabul ins Unermessliche gestiegen. Für die Flüchtlinge sind selbst Grundnahrungsmittel kaum erschwinglich. Findet ein Familienvater mit viel Glück eine Tätigkeit als Bauarbeiter – der einzigen Branche, die noch floriert -, wird er täglich etwa 100 Afghani, d.h. zwei Dollar, verdienen. Dafür kann man in Kabul höchstens ein Stück trockenes Brot für jedes Familienmitglied kaufen. (Ein kleines Stück Brot von 150 – 200 Gramm kostet 6 Afghani, so dass eine sechsköpfige Familie rein rechnerisch für 108 Afghani täglich drei Stückchen Brot pro Person essen könnte; dazu vielleicht etwas heißes Wasser als Tee-Ersatz.) Inzwischen ist die Versorgungslage der Flüchtlinge in der Hauptstadt so katastrophal, dass täglich Menschen verhungern, besonders Kinder.

Die beiden oben erwähnten Kinderärzte aus dem innenstädtischen Maiwand-Krankenhaus gaben folgende Zahlen aus ihrem Haus an: Täglich stürben dort mehrere Kinder an Unterernährung. Auf Nachfrage erklärten sie, allein in der Kinderstation ihres Krankenhauses würden täglich mehrere Kinder eingeliefert, die an Unterernährung litten; bei durchschnittlich drei Kindern pro Woche komme jede ärztliche Hilfe zu spät. Dies seien noch Familien, die glücklich daran seien, weil sie im Zentrum lebten und ihre Kinder ins Krankenhaus bringen könnten. Hunderte Menschen, insbesondere Kinder, stürben täglich, weil sie durch die mangelnde Infrastruktur und Armut nicht einmal in der Lage seien, in die Stadt zu gelangen oder ein Krankenhaus überhaupt zu erreichen.

Laut einer Dokumentation von CSOMICS, einer Unicef-Organisation, ist die Hälfte der Todesfälle unter Kindern darauf zurückzuführen, dass sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben. Die Kindersterblichkeit ist nach wie vor sehr hoch und beträgt 250 pro 1000. Folglich sterben allein 125 von 1000 Kindern, weil sie nicht über sauberes Wasser verfügen. Damit hat Afghanistan derzeit die höchste Kindersterblichkeitsrate der Welt.

Die medizinische Versorgung ist derart unzureichend, dass eine Krankheit in den meisten Fällen den sicheren Tod bedeutet. Nach der französischen Hilfsorganisation „Action faim“ sind weitere 20 – 30 % der Todesfälle unter Kindern auf mangelnde Versorgung und fehlende Medikamente zurückzuführen. Ihre Organisation betreut drei Krankenhäuser: das Indira Gandhi, Maiwand und Atatürk. Allein durch Unterernährung sterben dort zwischen fünf und sieben Personen täglich. Doch dies seien wieder die wenigen Glücklichen, die in ein Krankenhaus kämen. Achtzig bis neunzig Prozent der Bevölkerung jedoch hätten diesen Zugang zur ärztlicher Behandlung nicht. Allein dadurch, dass viele aus dem Ausland kommenden Medikamente wirkungslos, abgelaufen oder manipuliert seien oder die Inhaltsstoffe nicht entsprechend, sterben allein in Kabul ca. vierzig Personen pro Tag. Die Dunkelziffer ist natürlich höher; dies sind nur die Fälle aus Krankenhäusern, die bekannt werden. Nur in der Hauptstadt und Umgebung stürben insgesamt Hunderte von Menschen an Hunger, erklärte der Vertreter der Organisation. In den dunklen, kalten Krankenzimmern hätten die Ärzte nicht einmal Medikamente; die Kinder stürben ihnen trotzdem an Kälte und Hunger unter den Händen weg. Größtenteils sind die Familien nicht in der Lage, Medikamente zu kaufen.

Ein Beispiel dafür, wie schwer Medikamente überhaupt zu bekommen sind: Ein Chirurg erklärte mir, er habe eine Patientin operieren müssen. Lange habe er in Kabul versucht, Medikamente für die Narkose aufzutreiben, doch sie waren nirgendwo erhältlich. Schließlich habe er ein Medikament bekommen, dessen Haltbarkeitsdatum jedoch seit vier Jahren abgelaufen war. Er habe trotzdem operiert, da es für die Frau um Leben oder Tod gegangen sei, doch sie sei nie wieder aus der Narkose erwacht. Dieser spezielle Fall hat sich vor drei Monaten zugetragen, so etwas komme in Kabul jedoch mehrfach täglich vor, berichtete der Chirurg.

Laut den Angaben des Gesundheits- und des Frauenministeriums sterben 3 von 10 Frauen bei der Geburt, weil es weder Ärzte noch Transportmittel gibt, und nicht genug Kliniken zur Verfügung stehen. Es gibt in Kabul insgesamt ca. 50 kleinere und größere Krankenhäuser für eine Bevölkerung 4,5 bis über 5 Millionen Menschen, von denen 3 Millionen im Kindesalter sind. Größere Krankenhäuser, die auch stationäre Betten haben, gibt es nur fünf mit Behandlungsmöglichkeiten für maximal 1000 Personen. Dazu kommt, dass sogar dort nicht ausreichend Ärzte oder ausgebildete Schwestern vorhanden sind. Technische Einrichtungen, Elektrizität, sauberes Wasser fehlen. Im Sommer fehlen Klimaanlagen, im Winter Heizungen. Es gibt keine Blutbank. Krankenhausverwaltung und Ärzte sind bestechlich, weil ihr Einkommen sehr niedrig liegt - ein Arzt verdient 150 Dollar im Monat -, d.h. nur die Reichsten haben überhaupt die Möglichkeit, sich durch Bestechung eine Behandlung zu sichern.

Doch nicht nur Hunger und Krankheiten bedrohen insbesondere die Jüngsten. Informationen der Journalistenvereinigung von Kabul besagen, dass allein in der Hauptstadt täglich 5 – 6 Fälle registriert werden, in denen Kinder verschwinden. Die Dunkelziffer dürfte noch wesentlich höher liegen. Diese Kinder würden entweder in die Prostitution verkauft oder von Organhändlern getötet. Häufig komme es vor, dass die Täter gefasst und vor Gericht gestellt würden, doch die Richter seien so korrupt, dass sie durch Bestechung freikämen. Nach Meinung der Journalisten sind Justiz und Polizei überhaupt die korruptesten Staatsorgane. Ein Journalist erklärte, er könne mir sofort 50 Fälle nennen, in denen Mörder und Diebe nach Zahlung von Bestechungsgeldern freikamen oder in Eigentumsstreitigkeiten derjenige Kläger Recht bekam, der die höchste Bestechungssumme zahlte.

Eine Abgeordnete aus der Provinz Farjab namens Fuzieh Raufi sagte mir, beispielsweise in ihrer Provinz im Norden Afghanistans mit zwei Millionen Einwohnern der Verkauf von kleinen Mädchen, die acht oder neun Jahre alt seien, systematisch erfolge, oft an siebzig oder achtzig Jahre alte Männer. Die Menschen sind so verarmt, dass sie nicht nur ihre weiblichen Kinder verkaufen, sondern auch zur Schlichtung von Streitigkeiten verschenken. Dies seien keine Auswüchse, sondern die Tagesordnung. Kleine Mädchen sind nur eine Ware.

Tag für Tag sieht man in Kabul Tausende Kinder betteln, von denen die jüngsten erst vier bis fünf Jahre alt sind. In den Staus in der Innenstadt von Kabul putzen Kinder die Scheiben der Autos, um sich etwas Geld zu verdienen, oder verkaufen Plastiktüten, ein wenig Kaugummi oder Zigaretten. Tausende bieten sich auch im Bazar als Gepäckträger an, um dreißig oder fünfzig Afghani (60 Cent bis 1 Dollar) am Tag zu verdienen. Die meisten dieser Kinder laufen in der Winterkälte halb nackt herum. Auch Tausende von Frauen betteln in Kabul; es ist fast unmöglich, als Besucher den Ansturm der Bettler abzuwehren. Tausende Frauen prostituieren sich, und das sogar in einem islamischen Land, in dem darauf die Steinigung oder andere schwere Strafen stehen. Man kann sich vorstellen, dass sie aus unvorstellbarer Not so handeln. Für Mädchen und junge Frauen, die aus Europa und anderen westlichen Ländern abgeschoben werden, besteht die größte Gefahr darin, dass sie von reichen Kommandanten oder anderen Männern aus der Oberschicht, von denen es noch genug gibt, gekauft und vergewaltigt werden. Die meisten von ihnen haben keine Möglichkeit, Zugang zu Bildung und Ausbildung zu finden.

Aus dem oben Dargestellten geht hervor, dass insbesondere Frauen und Kinder durch die Verhältnisse in Kabul unmittelbar in ihrer Existenz gefährdet sind. Die Abschiebung einer Familie mit Kindern dürfte sich unter Würdigung dieser Umstände von selbst verbieten.

In der internationalen Öffentlichkeit besteht der Eindruck – auf den sich auch die Entscheider in Gerichtsverfahren immer wieder berufen – die internationale Hilfe für Afghanistan sei beträchtlich; Milliardenbeträge würden eingesetzt, die den Bedürftigen, also auch abgeschobenen Rückkehrern, zu Gute kämen. Tatsächlich aber kommt von der internationalen Hilfe praktisch nichts bei den bedürftigen Menschen an. Dies liegt vor allem daran, wie diese Hilfe organisiert wird. In Afghanistan sind zur Zeit etwa 2400 ausländische Organisationen mit 24.000 Mitarbeitern tätig, die Gehälter zwischen 10.000 und 60.000 US-Dollar beziehen und in der Lage sind, Mieten zwischen 3000 und 30.000 US-Dollar monatlich zu bezahlen. Hierfür wird der größte Teil der Hilfsgelder verbraucht. Laut Aussagen von Regierungsmitgliedern, die ihre Namen nicht genannt wissen wollen, fließen 87 % der Hilfsgelder auf diese Weise direkt wieder an die ausländischen Organisationen.

Momentan existieren wirkliche Hilfsprojekte nur auf dem Papier. In diesem Zusammenhang sprach ich mit dem afghanischen Minister für Rückkehrer, Dr. Azam Dadfar. Im Jahr 2005 sollte Afghanistan von der internationalen Gemeinschaft 4,8 Milliarden US-Dollar Hilfe erhalten, berichtete der Minister. Davon waren 3,5 Milliarden für Ausländer und ausländische Organisationen bestimmt. Diese Gelder fließen also direkt wieder in die Taschen von Ausländern, Menschen, die Jahresgehälter von bis zu einer halben Million US-Dollar beziehen. 1,3 Milliarden Dollar, also ein Viertel, sollte auch die afghanische Regierung für Wiederaufbauprojekte erhalten. Man habe jetzt den achten Monat des Jahres (nach dem afghanischen Kalender), und die Regierung habe bis jetzt nur 168 Millionen erhalten. Problematisch sei außerdem, dass die Regierung jetzt sehr rasch Rechenschaft über die Verwendung dieser Summe ablegen müsse, weil sonst der Rest des Geldes nicht ausgezahlt würde, sondern wieder an die Weltbank zurückfließe. Wenn die Regierung jedoch kräftig Geld ausgebe, so könne sie bis zum Ende des afghanischen Kalenderjahres (bis März 2006) noch einmal 300 Millionen erhalten. Der Rest von über 800 Millionen falle auf jeden Fall wieder an die Weltbank.

Die Fakten sind also folgende: Tatsächlich hat die afghanische Regierung zu ihrer eigenen Verwendung bis zum achten Monat des laufenden Kalenderjahrs nur 168 Millionen US-Dollar erhalten, während offiziell die Summe der internationalen Hilfsleistungen mit 4,8 Milliarden angegeben wird. Das System ist so angelegt, dass nur der kleinste Teil dieser Summe überhaupt bei den Afghanen ankommt.

Ein weiters Beispiel des Ministers: Die USA behaupteten, jährlich 3 Milliarden für den Wiederaufbau des Landes, Projekte usw. auszugeben. Davon gelangen über die internationalen Banken nur 60 Millionen direkt an den afghanischen Staat. Der Rest fließe in die Kassen der Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Wie oben gesagt, werde ein großer Teil des Geldes für die nach afghanischen Verhältnissen exorbitanten Gehälter der Helfer ausgegeben; dem afghanischen Volk jedoch komme es nicht zu Gute. Noch einmal nach dem konkreten Schicksal der Flüchtlinge befragt, musste der Minister zugeben, dass jährlich Hunderte von ihnen an Unterernährung stürben.

Was der Minister nicht sagt: Selbst die Gelder, die schließlich bei der afghanischen Regierung ankommen, werden größtenteils für Ministergehälter in Höhe von Zehntausenden US-Dollar ausgegeben oder fließen in dunkle Kanäle. Auch die mächtigen Kriegsfürsten und Drogenbarone drangsalieren die Armen, um sich zu bereichern. Minister versuchen an Geld zu kommen, indem sie das Eigentum von Ministerien für sehr geringe Summen an ihre Verwandten vermieten. Der Verwandte wiederum vermietet dieses Objekt zu horrenden Preisen an ausländische Organisationen. Solche Fälle sind vielfach belegbar. Nur ein einziges Beispiel: Der Handelsminister Amin Aslan vermietet ein Gebäude seines Ministeriums an einen seiner Verwandten für jährlich 2000 Dollar Miete, wohl wissend, dass der Verwandte dieselbe Immobilie der US-amerikanischen Organisation „International Relief and Development Organization“ für monatlich 28.000 Dollar vermietet. Jeder weiß, dass er an dem Profit beteiligt ist. Sogar im Kabinett ist allgemein bekannt, wie mir befreundete Minister erzählten, dass jedes Ministerium seine eigenen NGOs hat, denen es Aufträge für große, profitable Projekte erteilt, wobei die Minister sich den größten Teil des Geldes in die eigenen Taschen stecken. Die Korruption reicht also bis weit in die Regierung hinein. Folgender Fall soll als weiteres Beispiel dienen: Im so genannten Nobelviertel von Kabul, Wazir Akbarkhan, gibt es ein Gebiet namens Shirpour. In den siebenundzwanzig Jahren, seit denen ich jetzt regelmäßig nach Afghanistan reise, habe ich immer beobachtet, dass dort arme Menschen auf staatlichem Grundeigentum Häuser errichtet haben. Dies ist seit etwa vierzig Jahren so. Zahir Schah, Dawud und sogar später die Kommunisten haben diese Siedlung immer toleriert. Doch unter der Regierung Karsai befahl vor zwei Jahren der damals noch mächtige Verteidigungsminister Fahim dem Polizeichef von Kabul, einem ehemaligen Mujahedin-Kommandanten namens Bashir Salangi, die Häuser der Armen mit Bulldozern niederzuwalzen und das Grundeigentum unter den Mächtigen des Landes, darunter auch Ministern, zu verteilen. Seine Begründung lautete, dies sei staatliches Eigentum. Interessant ist, dass dieses Staatseigentum unter Ministern, anderen mächtigen Kriegsfürsten und Drogenbaronen verteilt wurde, aber kein Cent in die Staatskasse floss. Auf dem Gelände entstehen zur Zeit Hunderte von – für afghanische Verhältnisse – palastartigen Neubauten. Zehntausende wurden vertrieben, damit einige wenige sich Paläste bauen können.

Zwei Minister, die nicht bekannt werden wollen, erzählten mir folgende Geschichte: Einer von ihnen habe in seinem Ministerium offiziell einen Jahreshaushalt von 550 Millionen Dollar zur Verfügung, der andere von 950 Millionen Dollar. Sie könnten jedoch nur über 100 bzw. 150 Millionen dieser Gelder frei verfügen. Die Verfügung über den Rest behielten sich andere Stellen vor – höchstwahrscheinlich der Präsident und seine engere Umgebung -, und sie wüssten nicht, wohin diese verschwänden.

Der Minister für Rückkehrer äußerte sich auch zum Verhalten der deutschen Seite bei der Rückführung abgeschobener Asylbewerber. Er erklärte, es gebe keine Vereinbarung mit der deutschen Regierung über die Rückführung von Flüchtlingen nach Afghanistan. „Wir sind momentan nicht in der Lage, eine Lebensgrundlage für diese Flüchtlinge, die aus Europa und besonders aus Deutschland zurückkehren, zu gewährleisten“, sagte der Minister. Mehrere Repräsentanten aus Deutschland hätten bei ihm vorgesprochen und von ihm verlangt, mindestens vierhundert abgeschobene Asylbewerber aufzunehmen. Er habe jedoch erklärt, keinen einzigen aufnehmen zu können. Die Deutschen hätten versprochen, jeder Flüchtlingsfamilie sechshundert Euro zu zahlen, doch er habe erwidert, angesichts der enormen Teuerung in Afghanistan könne eine Familie sich mit dieser Summe keine Lebensgrundlage schaffen. Realität sei jedoch, dass die wenigen bisher abgeschobenen Asylbewerber bisher keinen Pfennig von der deutschen Seite erhalten hätten. Die deutschen Behörden hätten ihm zunächst 16.000, dann 4.000, später 2.000 Rückkehrer schicken wollen. Schließlich hätten sie ihn angefleht, mindestens 400 aufzunehmen.

Der Minister erklärte, er habe diese Situation auch dem hamburgischen Innensenator Nagel geschildert. Doch dieser kehrte nach Deutschland zurück und behauptete, er habe eine Vereinbarung mit den Afghanen erreicht. Der afghanische Minister jedoch meinte, die Lage sei die, dass die deutschen Behörden die Asylbewerber zwangsweise abschöben, worauf den Afghanen nichts anderes übrig bleibe, als sie ins Land zu lassen.

Der Minister räumte ein, es seien zwar in den vergangenen Jahren 4,4 Millionen Flüchtlinge zurückgekehrt; doch diese seien aus Iran und Pakistan gekommen, wo sie unter primitivsten Bedingungen gelebt hätten. Speziell in Pakistan habe nach Auskunft von Hilfsorganisationen die Hölle geherrscht, Kindersterblichkeit, Hunger und Krankheiten dezimierten die Flüchtlinge. Aus Not verkaufen viele Familien ihre Töchter, oder sie werden in die Prostitution gezwungen. Die Rückkehr nach Afghanistan bedeute für diese Flüchtlinge somit kaum eine Verschlechterung, sondern für manche sogar eine Verbesserung ihrer Lage.

Die Flüchtlinge aus Europa jedoch sind mehrheitlich gebildet, viele auch Akademiker. Sie bildeten früher die Elite des Landes. Geflüchtet sind sie in erster Linie vor den Menschenrechtsverletzungen der Mujahedin oder Taleban bzw. der Kriegsfürsten. In Europa haben sie sichere Lebensverhältnisse und medizinische Versorgung erlebt, konnten ihre Kinder in die Schule schicken usw. In Afghanistan dagegen stehen sie vor dem Nichts und haben meist auch keine Familie, die sie aufnehmen kann. Dazu ist zu erklären, dass häufig gerade bei den Intellektuellen oder politisch Oppositionellen ganze Familienclans geflüchtet sind und heute über die ganze Welt verstreut leben. Dazu kommt, dass gerade diese Gruppe von Flüchtlingen ihren gesamten Besitz losgeschlagen hat, um über Schlepper ihre Flucht nach Europa zu finanzieren. So verfügen sie nach Jahren, die sie in Europa in der Regel als Empfänger von Sozialhilfe und ähnlichen Leistungen verbracht haben, über keine Rücklagen, die ihnen einen Neubeginn ermöglichen könnten.

Keine Wohnung, kein Arbeitsplatz; dies wäre die Lage solcher Rückkehrer, so der Minister. Auch die Wirtschaft könne sie nicht beschäftigen. So bliebe ihnen keine andere Möglichkeit, als sich in das Heer von ca. 80 % Arbeitslosen einzureihen.

Einige Beispiele: Laut dem Minister gebe Deutschland für jeden Flüchtling, den es aufnehme, ca. zwischen 12.000 und 20.000 Euro aus. Doch Deutschland sei nicht bereit, ein Re-Integrationsprogramm zu finanzieren, das die Flüchtlinge beispielsweise während des ersten Jahrs nach ihrer Rückkehr dabei unterstützen würde, im Land Fuß zu fassen. Seinem Gefühl nach sei für die Deutschen das Problem gelöst, sobald die Flüchtlinge zwangsweise nach Afghanistan verbracht seien.

Sicherheitslage

Auch die Sicherheitslage in den Großstädten, insbesondere in Kabul, ist katastrophal. Im ganzen Land herrschen praktisch die Drogenmafia und die großen Kriegsfürsten. Weder die Regierung noch die ausländischen Truppen sind in der Lage, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Kabul platzt durch den Zustrom der Flüchtlinge aus allen Nähten und ist praktisch nicht mehr kontrollierbar. Polizei und Justiz sind vollständig korrupt und von den verschiedenen Mujahedin-Parteien unterwandert. Selbst Präsident Karsai wagt sich ohne US-amerikanische Leibwächter nicht auf die Straße. Bei meinem sechzehntägigen Aufenthalt im Dezember konnte ich mich davon überzeugen, dass in ganzen Stadtvierteln mit mehreren Hunderttausend Einwohnern keine Ordnungskräfte vorhanden sind. Nacht für Nacht kommen in Kabul Dutzende von Menschen ums Leben, ohne dass diese Fälle je aufgeklärt werden. Die ausländischen Schutztruppen haben sich in ihren Quartieren hinter Beton eingegraben. Kabul ähnelt einer belagerten Stadt. Die ausländischen Botschaften, die Hilfsorganisationen und NGOs haben sich hinter Betonabsperrungen verschanzt, die oft die Gehwege und Teile der Straße einnehmen. Überall im Stadtbild trifft man auf solche Barrieren oder auf gesperrte Straßen. Ganz offensichtlich haben die Ausländer große Angst, ihre Quartiere zu verlassen. Das Personal der europäischen Botschaften geht praktisch nie vor die Tür. Wenn sie sich doch in der Stadt bewegen, lassen sie sich zum eigenen Schutz von Sicherheitskräften begleiten, jedoch nie von afghanischen, die allgemein als nicht so zuverlässig betrachtet werden. In den 16 Tagen, die ich in Afghanistan verbracht habe, sah ich äußerst selten überhaupt Europäer auf den Straßen – wohl gemerkt, obwohl ich mich täglich 10 Stunden in der Stadt aufgehalten habe, um die Situation einschätzen zu können. Ein einziges Mal traf ich in der Stadt auf Gruppen von 2 -3 Personen, die in der Chicken Street, wo man bekannterweise gut Antiquitäten kaufen kann, unterwegs waren, einmal Franzosen, ein anderes Mal US-Amerikaner. Sie waren mit je zwei Geländewagen und fünf bis sechs Sicherheitsleuten mit entsicherten Waffen unterwegs. Wenn die Ausländer einen Laden betraten, mussten alle anderen Kunden auf die Straße, und die Sicherheitsleute umstellten das Geschäft.

Was die Internationale Schutztruppe angeht, so scheint in Gerichtsurteilen und Bescheiden die Auffassung zu herrschen, in Kabul gewährleiste die ISAF ein gewisses Maß an Sicherheit für die Bevölkerung. Doch die Soldaten wagen nicht einmal, zu Fuß auf Patrouille zu gehen. Wenn sie auftauchen, gleicht das eher einer symbolischen Handlung. Während meines gesamten Aufenthalts habe ich nur ein Mal zwei gepanzerte Fahrzeuge mit deutschen Soldaten gesehen, die sich mit entsicherten Waffen schützten. Dies aber nur in der Stadtmitte, nicht etwa in den Außenbezirken. Ein weiteres Mal sah ich ein US-amerikanisches Fahrzeug. Diese Auftritte sollen wohl die Anwesenheit der ausländischen Truppen demonstrieren, haben aber sonst keinerlei praktische Auswirkung. Wenn überhaupt, dann sind sie dazu da, Präsident Karsai und seine Regierung zu schützen und dies nach außen zu zeigen. Das in Gerichtsurteilen und Bescheiden häufig angeführte Argument, wenigstens im Westen der Stadt gewährleiste die Präsenz der ISAF-Truppen einen gewissen Schutz für die Rückkehrer oder die Bevölkerung insgesamt, hält also der Realität nicht stand.

In Sicherheitsfragen wird deutlich, dass die afghanische Regierung und ihre ausländischen Alliierten ein großes Misstrauen gegenüber der afghanischen Bevölkerung hegen. Bei dem Besuch des deutschen Verteidigungsministers während meines Aufenthalts wagte der Minister nicht, sich über die Straßen zu bewegen, sondern legte die kurze Distanz zum deutschen Stützpunkt mit dem Hubschrauber zurück.

Zur Eröffnung des afghanischen Parlaments kam am 19. Dezember 2005 der US-Vizepräsident Cheney nach Kabul. Zwei Tage lang waren die gesamte Innenstadt und große Teile der in die Stadt führenden Hauptstraßen sowie das ganze Bazarviertel gesperrt. Nicht einmal zu Fuß durfte man sich dort bewegen. Dabei liegt das Parlamentsgebäude, zu dem Cheney sich begab, etwa 10 km außerhalb des Stadtzentrums. Diese extremen Maßnahmen, die u.a. dazu führten, dass medizinische Notfälle nicht versorgt werden konnten und Menschen starben, sind nur durch ein großes, grundsätzliches Misstrauen gegenüber der eigenen Bevölkerung zu erklären. Angesichts dessen ist verständlich, dass unter der afghanischen Bevölkerung inzwischen die meisten Ausländer verhasst sind und im Volksmund nur noch als „Hurensöhne“ bezeichnet werden. Und kein Wunder, dass die Afghanen ihre Regierung als Marionetten des Auslands betrachten. Tag für Tag erstarken auf Grund dieser Stimmung die Taleban und die al-Qaida. Während sie vor zwei Jahren nur einzelne Attentate mit Maschinenpistolen verübten, führen sie heute weit größer angelegte Attacken, beispielsweise gegen Polizei- und Armeestationen, durch und greifen die US-Truppen an. Selbstmordattentate nehmen zu. Im November rammten Attentäter mit einem Fahrzeug direkt vor dem deutschen Stützpunkt einen Wagen; ein deutscher Soldat wurde getötet. Während meines Aufenthalts in Kabul wurde ein weiteres Selbstmordattentat gegen ein gepanzertes ISAF-Fahrzeug verübt, bei dem mehrere Soldaten verletzt und afghanische Passanten getötet wurden. In Herat kam es während meines Aufenthalts ebenfalls zu einem Selbstmordattentat gegen einen ISAF-Wagen; auch hier wurden mehrere Soldaten verletzt. Im Oktober wurde in der nordafghanischen Stadt Mazar-e Sharif ein britischer Soldat umgebracht und mehrere verletzt. Es würde den Rahmen dieses Berichts sprengen, weitere Beispiele aufzuführen. Festzuhalten bleibt, dass sich dort Selbstmordattentate, die der afghanischen Kultur und Religion bisher gänzlich fremd waren, rasant ausbreiten. Meldungen aus den letzten drei Wochen berichten von mehreren großen Bombenexplosionen und Bombenanschlägen im Süden des Landes, die insgesamt siebzig bis achtzig Opfer forderten. Ein Ziel der Attentate soll der US-Botschafter gewesen sein.

Im Osten und Süden tobt ein regelrechter Krieg zwischen amerikanischen und afghanischen Truppen auf der einen und Taleban und al-Qaida auf der anderen Seite. Auch hier nur ein Beispiel, um nicht zu breit zu werden: Während meines Aufenthalts, am 15. Dezember, griff eine große Truppe der Taleban und der al-Qaida in der Provinz Paktia die Hauptstraße zwischen den Städten Khost und Gardiz an und besetzten sie. Vier Stunden lang fand eine offene Feldschlacht zwischen ihnen und afghanischen sowie US-Kräften statt. Fünfzig Stunden lang blieb die Straße gesperrt; die Verluste an Menschen und gepanzerten Fahrzeugen waren groß. Dabei sind sowohl in Khost als auch in Gardiz US-amerikanische Truppenkontingente stationiert. Laut Aussagen von afghanischen Polizei- und Armeerepräsentanten sind die Verluste der Amerikaner – prozentual auf die Truppenstärke bezogen – in Afghanistan inzwischen höher als im Irak. Allein in 2005 sollen 200 US-Soldaten gefallen sein, eine Zahl, von der man in hiesigen Medien nichts hört. Kämpfe wie in Gardiz und Khost finden täglich statt und fordern hohe Verluste.

Unter diesen Umständen sind weder die afghanische Regierung noch die ausländischen Schutztruppen in der Lage, in Kabul, in anderen Großstädten oder auf dem Land für Ruhe und Ordnung zu sorgen, und erst recht nicht, eine Familie von Rückkehrern vor politischer Verfolgung und Racheakten zu schützen.

Ein eigenes Erlebnis mag das plastisch belegen: Am Tag des Cheney-Besuchs wurde ich von einem afghanischen Polizeioffizier angehalten und am Weitergehen gehindert. Ich wies mich als Deutscher aus und zeigte den Presseausweis des afghanischen Außenministeriums vor. Dennoch hielt der Offizier mich – unter massiver Androhung körperlicher Gewalt – auf. Mein Wunsch, seinen Vorgesetzten sprechen zu wollen, und meine Drohung, mich an die ISAF-Truppen zu wenden, wurden mit Hohn quittiert. Allein er sei hier der Chef. Dies sind die Polizeioffiziere, an deren Ausbildung die Deutschen mitwirken! Man kann sich vorstellen, welche Behandlung ein einfacher Afghane oder sogar jemand, der als Sikh oder Hindu erkennbar ist, von diesem „Ordnungshüter“ erfahren hätte. Dass es keine Instanz gibt, an die sich ein Rückkehrer, der sich bedroht fühlt, wenden könnte, wird daraus überdeutlich.

Die afghanischen Ordnungskräfte sind allgemein als durch und durch korrupt bekannt. Der Volksmund nennt sie „Einheiten der Diebe“. Die Führung und die mittleren Ränge der Polizei bestehen durchweg aus ehemaligen Mujahedin-Kommandanten, die sich Jahrzehnte lang in Raub und Plünderungen geübt haben. Nun sollen sie Recht und Ordnung aufrecht erhalten. Die einfachen Ränge der Polizei verdienen so wenig – 2000 Afghani oder 40 Dollar monatlich; wie oben bereits aufgezeigt, eine Summe, von der eine Familie nicht leben kann -, dass die große Verbreitung von Diebstahl und Korruption bei der Polizei kein Wunder ist. Diese afghanische Polizei ist weder willens noch in der Lage, die Sicherheit der Bevölkerung, geschweige denn der Rückkehrer, zu gewährleisten.

Über die Verbreitung von Korruption im Justizwesen wurde oben bereits berichtet. Überall bekommt derjenige Recht, der die höchste Bestechungssumme zahlen kann. Die Justiz ist jedenfalls keine Instanz, an die sich ein mittelloser Rückkehrer um Schutz oder in strittigen Fragen wenden könnte.

Fazit ist, dass die eigene Regierung und die eigenen Ordnungskräfte die Afghanen nicht schützen und ihre Sicherheit nicht gewährleisten können. Die ausländischen Truppen stehen der Situation hilflos gegenüber. Als politischer Beobachter mag man konstatieren, dass es Jahrzehnte dauern dürfte, das System der Korruption innerhalb der afghanischen Ordnungskräfte zu reformieren. Für einen abgeschobenen Asylbewerber aus Europa kommt das allerdings zu spät; gegenwärtig kann er nicht darauf rechnen, Schutz bei den afghanischen Behörden zu finden oder auf eine Sicherheitslage zu treffen, die seine körperliche Unversehrtheit gewährleistet.




Lage der Hindus und Sikhs im heutigen Afghanistan

So weit die Ausführungen zur allgemeinen Lebenssituation und zur Sicherheitslage der Bevölkerung. Diese waren notwendig, um darzustellen, dass eine Rückführung von abgelehnten Asylbewerbern nach Afghanistan grundsätzlich nicht zu befürworten ist. Darüber hinaus drohen zurückkehrenden Hindus oder Sikhs aber weitere Gefahren, die erheblich über die Gefährdung hinausgehen, welcher die Bevölkerung allgemein oder andere Rückkehrer aus Europa ausgesetzt sind.

Bereits die Mujahedin hatten die Infrastruktur der Hindu- und Sikh-Gemeinden zerschlagen und den Großteil der einst einflussreichen Minderheit aus dem Land vertrieben. Schon nach 1992 waren bis auf wenige Menschen, die sich eine Flucht aus finanziellen Gründen nicht leisten konnten, praktisch alle afghanischen Hindus und Sikhs geflüchtet. Auch die Taleban betrieben nach ihrer Machtübernahme (Einmarsch in Kabul 1996; Beherrschung praktisch des ganzen Landes ab 1998) gegenüber den wenigen noch im Land verbliebenen Hindus eine äußerst restriktive Politik. Hindus und Sikhs mussten Zeichen an ihrer Kleidung tragen, um sie kenntlich zu machen und besser kontrollieren zu können. Während der Taleban-Herrschaft waren die Hindus und Sikhs sowohl religiös als auch ethnisch motivierter Verfolgung ausgesetzt: zum einen als „Gottlose“ und „Götzendiener“, die den extrem fundamentalistischen Taleban womöglich noch verhasster waren als den Mujahedin; zum anderen wurden sie von den paschtunischen Taleban, deren politisches Ziel die Wiederherstellung der alten paschtunischen Vorherrschaft in Afghanistan war, auch als ethnische Minderheit diskriminiert.

Im ganzen Land waren nur einige hundert Familien verblieben, insgesamt höchstens 1000 Personen, die weit verstreut lebten und versuchten, sich der afghanischen Bevölkerung anzupassen, um nicht aufzufallen. Speziell in Kandahar wurden Hindus und Sikhs derart drangsaliert, dass sie versuchten, sich zu assimilieren, afghanische Kleidung trugen und Pashtu sprachen. Wenn man heute solche Menschen trifft, kann man feststellen, dass sie ihre Identität vollständig verleugnet haben, um ihr Leben zu retten. Im heutigen Afghanistan leben heute nur noch ca. 1.500 – 2.000 Hindus und Sikhs. In Kabul sind es nach meinen intensiven Recherchen und Beobachtungen nicht mehr als 1.000 bis 1.300. Bereits an dieser Stelle möchte ich vorwegnehmen, dass sich mit der Vertreibung der Taleban und dem Einsetzen der Karsai-Regierung die Lage der Hindus und Sikhs nicht entscheidend geändert hat.

Während meiner jüngsten Reise zwischen dem 10.12. und dem 26.12.2005 habe ich mich intensiv mit der Lebenssituation und politischen Lage der Hindus und Sikhs, besonders in Kabul, beschäftigt. Dabei kam mir zu statten, dass ich die Stadt seit beinahe dreißig Jahren gut kenne und – speziell auf diese Thematik bezogen – den direkten Vergleich zwischen der „Blütezeit“ der Hindu-Gemeinden in den 1980er Jahren und ihrer heutigen Lage ziehen kann. Kabul ist eine Stadt, in der traditionell die verschiedenen Ethnien bestimmte Wohnviertel bevorzugen, beispielsweise lebten seit altersher im Westen mehrheitlich afghanische Schiiten. So stellten auch die Hindus und Sikhs in bestimmten Stadtgebieten traditionell die Mehrheit und besaßen dort ihre Tempel und Kultstätten. Viele der materiell gut gestellten Hindus und Sikhs waren Hausbesitzer und betrieben selbstständig größere oder kleinere Firmen oder waren im Handel tätig. Früher fand dort ein reiches kulturelles Leben statt. Die wohlhabenden Gemeinden waren auch in der Lage, eigene Schulen zu betreiben, an denen die junge Generation eine qualifizierte, staatlich anerkannte Ausbildung erhielt.

Um den Hindus und Sikhs ihre Lebensgrundlage zu entziehen, hatten bereits die Mujahedin eine systematische Enteignungspolitik betrieben. Mujahedin-Kommandanten eigneten sich die Firmen, Läden und Privathäuser der Sihks und Hindus an. Seitdem war es ihnen weder unter der Mujahedin-Herrschaft noch seit dem Amtsantritt der Regierung Karsai möglich, ihr Eigentum zurückzuerhalten. Daher leben heute die wenigen Hindus und Sikhs, die in Afghanistan verblieben sind, so gut wie ausschließlich in den ehemaligen Tempelbezirken ihrer Gemeinden. Nur noch in dem Tempel von Kart-e Parwan werden noch religiöse Zeremonien durchgeführt, allerdings möglichst verstohlen, um nicht die Aufmerksamkeit der muslimischen Umgebung auf sich zu ziehen, während noch in der Najibullah-Zeit die religiösen Feste öffentlich und mit großem Prunk begangen wurden.

Über die Enteignungen unmittelbar nach der Machtübernahme der Mujahedin berichteten mir einige alt eingesessene muslimische Händler im Geldbazar „Saray-e Schazdeh“, der einst von Hindus dominiert wurden. Als die Mujahedin kamen, überfielen sie den Geldbasar, trieben Hunderte von Hindus zusammen, schlugen sie und konfiszierten ihre Läden und ihr Eigentum. Ihre Geschäfte wurden von Mujahedin übernommen, die dort heute als Händler sitzen und sich als „Ehrenmänner“ geben und begreifen. Die Hindus haben keinerlei Aussicht, ihren Besitz zurück zu bekommen.

Einige Beispiele sollen belegen, dass – anders, als die Hindus nach dem Amtsantritt der Karsai-Regierung gehofft hatten – auch die heutige Regierung nicht bereit ist, die Enteignungen der Mujahedin- und Taleban-Zeit rückgängig zu machen.

Am 11.12.2005 traf ich im Laden eines der Bazarhändler, der mir Auskünfte gegeben hatte, zufällig einen Hindu. Er berichtete mir, sein Haus im Viertel „Kala-e Fatullah“ sei von dem ehemaligen Handelsminister Mostafa Kazemi konfisziert worden. Er habe sogar gewagt, vor Gericht zu gehen. Gerade heute Morgen sei der Prozess zu Ende gegangen, und das Gericht hätte dem Minister das Haus zugesprochen. Dieser Kazemi war einer der wichtigsten Männer im Kabinett von Karsai und hat noch heute als Parlamentsabgeordneter eine wichtige Position. Dieser Kazemi ist eine so wichtige Person, dass er bei der Petersberg-Konferenz zur Neuordnung Afghanistans im Dezember 2001 wichtige Fäden im Hintergrund zog.

Ein weiteres Beispiel aus Kabul: Der Sikh Rawinda Singh erklärte mir, er habe ein Haus in Kart-e Parwan besessen. Dieses sei vor zehn Jahren von einem bekannten Mujahedin-Kommandanten aus der Umgebung von Ahmad Schah Masud namens Gajum Somorod beschlagnahmt worden. Ihn und seine Familie habe man aus dem Haus vertrieben, geschlagen und mit dem Tod bedroht. Dieser Gajum sei später durch Kämpfe zwischen den Mujahedin-Fraktionen zu Tode gekommen. Heute lebe dort dessen Bruder, ein wichtiger Mann der Karsai-Regierung. Einmal habe er gewagt, Anspruch auf sein Haus zu erheben; doch der heutige Besitzer habe ihn mit dem Tod bedroht, wenn er noch einmal wagen würde, sein Eigentum zu beanspruchen.

Einige Hindus erklärten, vor etwa einem Jahr hätten sie eine Delegation, die bei der Regierung vorstellig wurde und die Rückgabe ihres konfiszierten Eigentums verlangte. Doch man schickte sie nur in das Viertel „Shur Bazar“ zu den Ältesten der Moscheen, die angeblich darüber entscheiden konnten. Dort jedoch begegneten sie nur bewaffneten Mujahedin, die ihnen mit dem Tod drohten, falls sie nicht verschwänden.

Die materiellen Lebensverhältnisse der afghanischen Hindus und Sikhs sind also heute dadurch gekennzeichnet, dass ihr Haus- und Grundbesitz enteignet wurde. Ihre einzige Zuflucht sind ihre ehemaligen Tempel in ihren alten Wohngebieten. Im Zuge meiner Recherchen suchte ich daher alle Viertel in der Hauptstadt auf, die traditionell von Hindus bewohnt wurden, wobei ich mich von zwei Hindu-Informanten begleiten ließ.

In dem Viertel „Shur Bazar“ im Süden Kabuls lebten von der Zeit Zahir Schahs bis zur Najibullah-Ära ca. 35.000 Hindus und Sikhs, die meisten aus der unteren und der Mittelschicht, darunter viele Ladenbesitzer. Heute ist es ein Armenviertel, in dem mehrere hunderttausend Menschen leben, jedoch praktisch keine Hindus und Sikhs mehr. Die Einwohner sind heute Muslime, unter ihnen viele ehemalige Mujahedin. Von der Hindu-Gemeinde ist im Straßenbild nichts mehr zu entdecken. Einst hatte es in diesem Viertel acht größere Tempel gegeben. Diese wollte ich aufsuchen, um festzustellen, ob in den Tempelbezirken noch Hindus lebten. Diese Tempel sind die einzigen Stellen, an die sich ein abgeschobener afghanischer Hindu wenden kann; abgesehen von der einmaligen 12-Dollar-Hilfe der UNO, die er als afghanischer Staatsangehöriger einfordern kann.

Auf dem Gehweg zu einem der Tempel, der am Ende einer Gasse liegt, wurden wir von mehreren Mujahedin angehalten und angegriffen, da sie glaubten, wir kämen, um Ansprüche auf enteignete Häuser zu erheben. Insbesondere griffen sie meine Begleiter, zwei Hindus, tätlich an, beschimpften sie als Gottlose und verlangten zu wissen, was sie hier zu suchen hätten. Vor ihrem Angriff flüchteten wir in den Tempel, wo ich tatsächlich einige Hindu- und Sikh-Familien antraf. Auch in dem zweiten ehemaligen Tempel des Viertels leben noch wenige Personen. Von diesen Hindus im „Shur Bazar“-Viertel erhielt ich folgende Auskunft: Die ehemaligen Bewohner des Viertels seien fast alle nach Indien, manche auch nach Europa und Übersee geflüchtet. Von den einst acht Hindu-Tempeln sind vier so stark zerschossen, dass sie praktisch nur noch Ruinen darstellen. Trotzdem leben dort noch einige Familien. In zwei weiteren Tempeln leben auch einige Familien; die Mehrzahl der verbliebenen Hindus dieses Viertels konzentriert sich auf die vier Tempel, die ich aufsuchte. Doch auch diese sind durch den Krieg stark zerstört; ein Wiederaufbau hat bisher nicht stattgefunden.

Insgesamt traf ich dort noch 35 Hindu-Familien an, ca. 150 bis 180 Personen, von denen die meisten Kinder waren. In die Tempel hatten sie sich vor den Vertreibungen und Enteignungen der Mujahedin geflüchtet. Einst hatten die Hindus in diesem Viertel ca. 1.100 eigene Häuser besessen, neben Mietshäusern, in denen viele lebten. Mächtige Mujahedin-Kommandanten wie Amanullah Qusar haben sich ihren Besitz angeeignet und den Hindus angedroht, sie umzubringen, sollten sie zurückkehren und Anspruch auf ihr Eigentum erheben. (Zu den Enteignungen durch die Mujahedin, die auch durch die Karsai-Regierung entgegen ersten Ankündigungen nach ihrem Amtsantritt nicht rückgängig gemacht wurden, später.)

Die Tempel, in denen die Hindus und Sikhs nun zwangsweise leben, liegen durch die Kriegszerstörungen praktisch in Trümmern und sind völlig zerschossen. Wenige unzerstörte Räume ohne Türen und Fenster und ohne Einrichtung dienen den Bewohnern als Wohn- und Schlafräume, in denen einige zerfetzte Decken und ein paar Kochstellen die gesamte Ausstattung bilden. Besonders Frauen und Kinder sind sichtlich von Krankheiten und Mangelernährung gezeichnet. Man erklärte mir, die Menschen in dem von mir zuerst besuchten Tempel stammten aus der Stadt Khost, wo die Zustände so schlimm seien, dass sie in Kabul Zuflucht gesucht hätten. Die siebzig oder achtzig Kinder, die im Tempel leben, wagen nicht, das Gelände zu verlassen, weil sie außerhalb ihrer Zuflucht von ihren muslimischen Altersgenossen beschimpft und mit Steinen beworfen werden.

Teilweise leben dort auch verarmte muslimische Flüchtlinge, mit denen die Hindus sich wohl oder übel arrangieren müssen. In ihrer Blütezeit waren die Hindu-Tempel mit ihren prachtvollen Fassaden und ihrer herrlichen Ausstattung geradezu ein Symbol der afghanischen Kultur. Doch während der Jahre der Kämpfe – zwischen den Mujahedin und später während der Belagerung der Taleban – lagen die Tempel ständig in der Schusslinie, so dass ihre Architektur vollkommen zerstört wurde. Heute ist ihre Umgebung dazu noch unbeschreiblich schmutzig und offensichtlich die Abfallhalde der Nachbarschaft. Eine Kanalisation gibt es nicht; wenn es im Winter regnet, watet man dort zwanzig Zentimeter tief in stinkendem Schlamm. Die afghanische Regierung unternimmt nichts zu ihrer Restaurierung. Ich bin überzeugt davon, dass sie in wenigen Jahren nur noch Schutthaufen darstellen werden, die man abträgt, um neue Häuser für muslimische Afghanen zu bauen; dann wird dieses kulturelle Erbe unwiederbringlich verloren sein.

In einem der Tempel sprach ich einen Familienvater direkt an und wollte von ihm wissen, wie seine Familie überlebe. Er gab mir folgende Auskunft, die auch für alle anderen Hindus gilt: „Ich hatte einen Gewürzladen im Bazar. Die Mujahedin haben ihn mir weggenommen, mich geschlagen und aus dem Bazar vertrieben. Ich hatte kein Geld, um aus dem Land zu fliehen, und musste hier bleiben. Inzwischen habe ich eine Frau und vier Kinder. Ich wohne in diesen Trümmern.“ Er zeigte mir einen Raum mit Betonboden, auf sich nur einige zerfetzte Decken, ein Gaskocher und etwas Blechgeschirr befand. Dort lebten sechs Personen. Seine Frau und seine Kinder wagten nicht, den Tempel zu verlassen. Über Tag hockten sie auf dem Hof, um sich in der Sonne zu wärmen. Auf die Frage, ob sie sich bei Nacht – bei Temperaturen bis minus zehn Grad – irgendwie wärmen könnten, lachte er nur. Sie hätten keine Möglichkeit, an Brennmaterial für ein Feuer zu kommen. Für genügend Brennholz müsste er das gesamte Geld, das er als Tagelöhner verdient, ausgeben. Nach dem Dunkelwerden werde trockenes Brot gegessen, und dann versuchten die Bewohner, ohne Licht und Wärme Schlaf zu finden. Auf Nachfrage erklärte er, manchmal finde er Arbeit als Tagelöhner, oft allerdings auch nicht. Wenn, dann verdiene er 100, mit Glück gelegentlich150 Afghani am Tag (2 bzw. 3 Dollar) – für einen Arbeitstag von zwölf Stunden. Von diesem Geld könne er nur trockenes Brot für seine Kinder kaufen, damit sie wenigstens drei Mal am Tag etwas zu essen bekämen. Ganz selten gebe es Tee, der ein Almosen des Tempels sei. Fleisch, Obst, Gemüse, ja sogar Zucker für den Tee seien inzwischen Fremdwörter für sie. Auch er berichtete, von in- oder ausländischen Hilfsorganisationen hätten sie noch nie etwas gesehen. Seit drei Jahren appellierten die Hindus ständig an die Hilfsorganisationen, bekämen aber stets die Antwort, sie seien noch nicht an der Reihe. Manche gäben ihnen auch die zynische Antwort, sie seien doch Hindus, daher solle Indien ihnen helfen.

In einem der Tempel lebte unter den beschriebenen Verhältnissen eine alte Frau, die für vier kleine Kinder zu sorgen hatte. Sie rief mich an, da sie mich für den Vertreter einer ausländischen Hilfsorganisation hielt. „Wo seid ihr Ausländer?“, rief sie. „Ihr habt versprochen, uns Brot, Wasser und Tee zu geben. Meine vier Kinder sterben, weil ich ihnen nichts zu essen geben kann.“ Seit zwei Tagen hätten sie nichts gegessen und stünden kurz vor dem Verhungern. Meine Hindu-Begleiter erzählten mir folgendes: Diese Frau sei Muslimin. Sie sei mit ihren vier Enkelkindern eines Tages hier aufgetaucht und habe sich nicht abweisen lassen. Die Eltern, die ihre Kinder nicht mehr hätten versorgen können, seien ins Ausland geflüchtet. Nun versuche die Großmutter, die Kinder durchzubringen. Wir gaben der Frau ein paar Afghani, um Brot zu kaufen.

Ein Familienvater, der vierzigjährige Soliman, ist ebenfalls Moslem und hat sich im Tempel einquartiert. Offensichtlich haben die muslimischen Nachbarn keinerlei Vorbehalte, wenn es darum geht, Hilfe von den Hindus zu erbitten. Er erklärte mir, zusammen mit seiner Frau und seinen acht Kindern lebe er in einem einzigen Raum. Er sei als Flüchtling aus Pakistan zurückgekehrt und habe noch Glück gehabt, hier unterzukommen. Er selbst verlasse morgens um fünf Uhr den Tempel und verdiene mit zwölf Stunden Arbeit am Bau, wenn er Glück habe, 150 Afghani (3 Dollar) pro Tag. Diese Summe reicht jedoch nicht einmal aus, um trockenes Brot für seine zehnköpfige Familie zu kaufen. Fünf seiner Kinder – kleine Kinder von vier oder acht bis zehn Jahren – gingen täglich zum Betteln oder verkauften auf den Straßen Kleinigkeiten wie Zigaretten oder Plastiktüten. Jedes Kind bringe täglich etwa 30 Afghani (60 Cent) nach Hause. Alles zusammen reiche gerade aus, um trockenes Brot für die Familie zu kaufen. Oft gehe auch seine Frau betteln und bringe gelegentlich 20 Afghani nach Hause. Davon kaufe sie manchmal ein wenig Tee. Eine Schule besuchten seine Kinder nicht, das sei völlig undenkbar angesichts dieses Überlebenskampfes.

Im „Kart-e Parwan“-Viertel, einem alten Viertel im Westen der Stadt, leben heute noch vielleicht 300 bis 400 Hindus und Sikhs, größtenteils im Tempel und in einem alten Schulgebäude. Zur Najibullah-Zeit waren es noch 10.000, und neunzig Prozent der Häuser waren ihr Eigentum. Inzwischen wurden alle Häuser, die einst Sikhs und Hindus gehörten, enteignet. Dort leben heute Muslime, besonders ehemalige Mujahedin-Kommandanten. Der einst prachtvolle Tempel, den ich in seiner Glanzzeit sehr schätzte, ist heruntergekommen. Rund um einen etwas tiefer liegenden Hof, der um einige Stufen abgesenkt ist, befinden sich etwa zwanzig Räume. Dort leben etwa zweihundert Männer – Hindus und Sikhs. Frauen sah ich keine. Wieder ist festzustellen, dass dieser Tempel zu einer Zuflucht für die Ärmsten geworden ist. Die Ausstattung und die räumliche Enge sind ebenso schlimm wie in den anderen Tempeln. Nach den Aussagen der Bewohner seien die meisten ihrer Frauen fort und lebten im Ausland. Inmitten des etwa 120 -150 Quadratmeter großen Hofes, um den herum ca. 200 Personen leben, entdeckte ich eine Verbrennungsstätte für die Toten. Dies verletzt eigentlich die religiösen Bräuche der Hindus; doch sie dürfen ihre traditionelle Verbrennungsstätte außerhalb von Kabul nicht mehr nutzen.

Ein alter Mann von 65 Jahren namens Tirer Singh trat auf mich zu und berichtete, er sei zuvor Ladenbesitzer gewesen und habe ein schönes Haus in diesem Viertel besessen. Doch die Mujahedin hätten seinen Laden in Brand gesetzt und ihm weggenommen. Sein Haus sei geplündert und anschließend von einem Mujahedin-Kommandanten beschlagnahmt worden. Nach dem Amtsantritt der Regierung Karsai habe er versucht, sein Haus zurückzubekommen, doch die Mujahedin hätten ihn derart geschlagen, dass er nie wieder wagen werde, seinen Anspruch anzumelden. Nun lebe er im Tempel, sei arbeitslos und warte nur noch auf den Tod.

Ich setzte meine Recherchen im Bazar-Viertel fort, wo einst die wohlhabende Oberschicht der Hindus ihre Geschäfte machte. Von einst Hunderten von reichen Devisenhändlern ist kein einziger mehr im Saray-e Schazdeh mehr anzutreffen. Im Mandawi-Bazar suchte ich ebenfalls nach Sikhs und Hindus, die dort früher zu Tausenden als Händler vertreten waren. Ich traf lediglich drei Sikhs an, die in winzigen Läden Gewürze verkauften.

Ich besuchte auch das Viertel „Nouwa Bad“ in Kabul. Dort befinden sich ein Tempel und ein ehemaliges Schulgebäude der Hindus, die „Assamai“-Schule. Auch hier das gleiche Bild: Einst gingen hier mehr als 1.000 Kinder zur Schule. Heute ist sie eine Ruine mit einigen Räumen, die noch benutzbar sind, jedoch keine Fenster und Türen mehr haben. Fenster und Eingänge sind mit Plastikplanen verhängt, um die Bewohner notdürftig vor der Kälte zu schützen. Hier leben etwa 10 Hindu- und Sikh-Familien. Die Lebensverhältnisse entsprechen denen aus anderen Tempeln, die ich oben referiert habe: Armut, Elend und das Fehlen jeglicher Hilfe durch die Regierung oder Hilfsorganisationen. Fast alle Männer sind arbeitslos oder Gelegenheitsarbeiter. Die Kinder vegetieren verwahrlost auf dem Hof. Ebenfalls auf dem Hof befindet sich – für ca. 60 Personen - eine einzige Toilette mit Badegelegenheit, die sich in einem unbeschreiblichen Zustand befindet und eine Quelle von Krankheiten ist.

Weder der Staat noch ausländische Hilfsorganisationen gewähren den Hindus und Skihs die geringste Unterstützung. Die Tempel versuchen ihre Gemeindemitglieder, durch Mittel aus Almosen zu unterstützen, doch diese sind sehr gering und retten die Bewohner kaum vor dem Verhungern. Offensichtlich ist es die Politik der afghanischen Regierung, das Problem zu ignorieren und darauf zu warten, dass sich die Hindu-Frage sozusagen auf „demographische“ Weise von selbst löst, indem die Mischung aus offiziellem Ignorieren, gesellschaftlicher Diskriminierung und kultureller und religiöser Unterdrückung die Hindus zwingt, sich entweder vollkommen anzupassen oder das Land zu verlassen. Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, ist wahrscheinlich, dass die Hindus als eigenständige Minderheit in Afghanistan innerhalb weniger Jahre ausgelöscht sein werden.

Kulturelle und religiöse Diskriminierung

Die Hindus und Sikhs in Afghanistan sind auch einer expliziten kulturellen Diskriminierung ausgesetzt, die eindeutig zum Ziel hat, sie als religiöse und kulturelle Minderheit innerhalb kürzester Zeit auszulöschen. Ihre Schulen sind geschlossen. Hindus berichteten mir, sie hätten sich nach dem Antritt der Regierung Karsai an das Bildungsministerium gewandt und gebeten, wieder eigene Schulen für ihre Kinder einzurichten und mit Finanzen und Lehrern auszustatten; jedoch ohne die geringste Reaktion.

Nach der Machtübernahme der Mujahedin mussten die Hindus miterleben, wie viele ihrer Tempel entweiht wurden. Beispielsweise benutzten die Mujahedin unter Präsident Rabbani einen Tempel in Kabul lange als militärischen Stützpunkt der „Schoray-e Nezar“, des militärischen Arms der „Djamiat-e Islami“-Partei; zur großen Empörung der Hindus, die ihr Gotteshaus entweiht sahen.

Bezeichnend, dass heute neben mehreren Hindu-Tempeln große Moscheen stehen. Diese haben ihre Lautsprecher so auf die Hindu-Tempel ausgerichtet, dass diese ständig mit den Gebetsrufen beschallt werden – eine interessante Mischung zwischen Bekehrungsversuch und Psychoterror.

Vor allem in ihrer Religionsausübung werden die Hindus und Sikhs massiv behindert. Die Bewohner von „Kart-e Parwan“ berichteten, unter Najibullah hätten sie eine Verbrennungsstätte außerhalb des Stadtgebiets gehabt, im Süden von Kabul im Viertel „Kalatsche“. Doch die dortige, muslimische Bevölkerung gestatte ihnen heute nicht mehr, ihre Toten dort zu verbrennen. Mehrmals hätten sie dies versucht, doch sie wären geschlagen und von dem Areal dort, das ihr Eigentum sei, vertrieben worden. Auf Beschwerden beim Innenministerium erklärte man den Hindus und Sikhs, sie sollten Polizeischutz für ihre Zeremonien anfordern. Sie mussten jedoch erleben, dass die Polizei nicht auftauchte und sie – unter Mitnahme ihrer toten Angehörigen – vor einer aufgebrachten muslimischen Menge flüchten mussten.

Da die Regierung ihnen keinen Ersatz zur Verfügung stelle und ihr Anliegen ignoriere, hätten sie sonst nur die Möglichkeit, ihre Toten in Pakistan oder insgeheim irgendwo in Afghanistan zu verbrennen, ein beschwerliches und teures Unternehmen. Daher seien sie darauf angewiesen, ihre Toten im Tempel von Kart-e Parwan zu verbrennen, ein Verfahren, das im Übrigen ihren religiösen Geboten widerspricht. Doch sogar dies sei ihnen offiziell verboten. Die Menschen, die ihnen ihre Häuser geraubt hätten, ließen dies nicht zu. Einer davon sei der ehemalige Verteidigungsminister Fahim. Er habe ihnen gedroht, ihren Tempel zerstören zu lassen, wenn sie noch einmal eine Verbrennung dort abhielten. Nicht einmal diese Zeremonie, die in ihrer Religion von zentraler Bedeutung ist, können die Hindus also in Afghanistan abhalten. Ich suchte die ehemalige Verbrennungsstätte im Süden von Kabul auf und befragte die Anwohner. Diese bestätigten mir die Berichte.

Am bedeutsamsten jedoch für die fortgesetzte Existenz der Hindus und Sikhs als kulturell eigenständige Minderheit und für ihr Überleben in der Zukunft ist jedoch die Politik, die in Afghanistan gegenüber der jungen Generation betrieben wird. Ganz abgesehen von dem humanitären Aspekt des Leidens der Kinder wird hier systematisch versucht, sie von jedem Zugang zu Bildung fernzuhalten. Der Druck auf die Gemeinden geht sogar bis zur Zwangsbekehrung von Kindern.

Insgesamt befinden sich in Kabul noch ca. 120 Hindu- und Sikh-Kinder. Sie sind schwer traumatisiert, völlig verängstigt und fürchten sich, das Gelände ihrer Tempel zu verlassen, um nicht von den muslimischen Kindern drangsaliert und geschlagen zu werden. Die Hälfte von ihnen besucht die so genannte Hindu-Schule. Diese ist allerdings nicht staatlich anerkannt; die Kinder werden dort nur in Religion und in ihrer eigenen Sprache unterrichtet. Die Schule hat kaum Einrichtung und Lehrmittel und nur eine einzige Klasse für Kinder von 6 bis 12 Jahren. Die Regierung stellt weder Gelder noch Lehrer. Die Hindu-Gemeinde ist, wie der Schuldirektor erklärte, nicht mehr in der Lage – wie in ihrer Blütezeit unter Najibullah –, aus eigenen Mitteln für die Schulausbildung der Kinder zu sorgen. Für ihr Leben in Afghanistan können die Kinder mit dieser Schulbildung nichts anfangen; in der afghanischen Sprache sind sie dennoch Analphabeten und erlangen keinen Schulabschluss. Diese einzige Schule befindet sich in Kart-e Parwan. Der so genannte Direktor, Otar Singh – der einzige Lehrer – erklärte, vor zweieinhalb Jahren seien einmal Vertreter von zwei NGOs dort gewesen und hätten ihnen zugesagt, beim Erziehungsministerium vorstellig zu werden, damit ihnen geholfen werde. Doch auf Hilfe warteten sie bis heute. „Es ist eine Lüge, wenn die UNO oder andere erzählen, sie hätten uns geholfen“, sagte er wörtlich. Seiner Einschätzung nach sei es die Politik der Regierung, die Hindus so unter Druck zu setzen, dass sie entweder das Land verließen, oder die nächste Generation sich vollkommen assimiliere. Damit sei dann für die Afghanen das Problem gelöst. In den letzten zwei Jahren seien seiner Kenntnis nach in Kabul sieben Hindu-Kinder verhungert. Die Kinder in den anderen Vierteln haben nicht einmal Zugang zu dieser Schule, da sie nicht die Möglichkeit haben, den weiten Weg dorthin zurückzulegen.

Familien haben auch immer wieder versucht, ihre Kinder in die muslimischen Schulen einzuschulen, um sie nicht als Analphabeten aufwachsen zu lassen. Doch dort wurden sie geschlagen, als Gottlose beschimpft und gezwungen, am Koranunterricht teilzunehmen. Die staatlichen Schulen versuchten ganz offen, sie zum Islam zu bekehren.

Das Bundesamt behauptet in aktuellen Bescheiden (so aus dem November 2005), „die Regierung habe Wachen für die fünf oder sechs ungenutzten Sikh-Tempel in Kabul sowie einen Shuttle-Service für Gottesdienstbesucher zur Verfügung gestellt. Für Sikh-Schulen seien vier Dari-Lehrer gestellt worden. (…) Einige Kinder würden jedoch nach wie vor wegen Belästigungen durch Lehrer und Mitschüler nicht zur Schule gehen.“ Dieser Darstellung muss ich widersprechen, nachdem ich die Verhältnisse vor Ort überprüft habe. Die Wachposten, Busse oder Lehrer, von denen das Bundesamt spricht, existieren nicht. Die Behauptung, „einige Kinder“ würden nicht zur Schule gehen, darf man wohl nach den oben geschilderten Verhältnissen als maßlose Untertreibung bezeichnen. Oben wurde ausführlich dargestellt, dass nur etwa die Hälfte der Kinder Zugang zu der primitiven Schule in Kart-e Parwan hat, welche die Hindu-Gemeinde noch betreibt. Woher die Behörde ihre Informationen bezieht, ist mir unerklärlich.

Gerade bei jungen Mädchen ist die Praxis der Zwangsbekehrung verbreitet: Oft ist es vorgekommen, dass junge Mädchen aus Hindu- und Sikh-Familien – unter 16 Jahren – von islamischen Gerichten zum Islam „bekehrt“ wurden und anschließend verschwanden, wahrscheinlich zwangsverheiratet. Die Eltern und Verwandten erhalten keine Auskunft, wenn sie sich an die Regierung wenden, obwohl die Mädchen minderjährig sind (in Afghanistan ist man offiziell mit 16 Jahren volljährig). Selbst der oberste Richter des Landes, Shinwari, bekennt sich stolz zu dieser Praxis. Diese Vorgehensweise ist kein Auswuchs, sondern wird systematisch angewendet, ebenfalls ein Versuch, das Hindu-Problem in der nächsten Generation zu lösen.

Vor einem Jahr lebten im „Shekarpour“-Bazar in Kandahar zwei minderjährige Mädchen bei ihren Eltern, d.h. jünger als 16 Jahre. Beide wurden eines Abends auf dem Weg zum Tempel entführt und blieben die ganze Nacht verschwunden. Am nächsten Tag wandten die Eltern sich an die Behörden. Diese teilten ihnen mit, die Mädchen befänden sich in einem muslimischen Haushalt. Weitere Nachforschungen brachten zu Tage, die Mädchen hätten angeblich vor einem islamischen Gericht ihren Übertritt zum Islam erklärt. Die Eltern erhoben Einspruch, weil die Mädchen minderjährig seien und ohne ihre Erlaubnis auch das Gericht ihre Konversion nicht akzeptieren dürfe. Sie wandten sich an den Provinzgouverneur, den von Karsai als „modernen Politiker“ verkauften Yousef Pashtun. Dieser erklärte den Eltern, er könne nichts tun, weil das Gericht bereits entschieden habe. Darauf wandten sich die Eltern an das Amt von Präsident Karsai in Kabul. Der Sprecher des Präsidenten teilte den Eltern ebenfalls mit, durch die Gerichtsentscheidung sei die Angelegenheit erledigt. Seitdem haben die Eltern die Mädchen weder gesehen noch Nachricht von ihnen erhalten. Die Behörden verweigern ihnen den Kontakt mit dem Argument, die Mädchen seien jetzt Musliminnen und dürften keinen Kontakt zu „gottlosen“ Familien unterhalten. Diese Auslegung wird auch durch den obersten Richter Shinwari bestätigt.

Ein weiterer Fall aus den letzten Monaten: Ein minderjähriges Hindu-Mädchen wurde in Kabul entführt und in die Provinz Baglan im Norden verschleppt. Seitdem gibt es keine Spur mehr von ihr; die Eltern machten die gleichen Erfahrungen wie die Eltern der beiden Mädchen aus Kandahar. Es war nur zu erfahren, dass das Mädchen zwangsweise mit einem Muslim verheiratet wurde.

Solche Fälle kamen in der Vergangenheit in den Provinzen, besonders in Kandahar im Süden, häufig vor. Deutlich der Versuch, auf diese Weise die nächste Generation der Hindus zu assimilieren. Außerdem werden die Hindus dadurch derart verängstigt, dass sie afghanische Kleidung tragen, ihre Frauen verschleiern und ihre Sprache und Kultur verleugnen. Auch das scheint im Interesse der Regierung zu liegen.

Zum Schluss möchte ich kurz auf die Lage der Hindu- und Sikh-Minderheit in den Provinzen eingehen, wenngleich die Gerichte meist einräumen, dass ein Ziel einer eventuellen Abschiebung nach Afghanistan nur die Hauptstadt Kabul sein könne.

In Kandahar, im „Shekarpour“-Bazar, leben heute ca. 45 Hindu-Familien, etwa 150 bis 200 Personen. Einst existierte hier eine große Hindu- und Sikhgemeinschaft von mehreren tausend Menschen. Einige der heutigen Bewohner leben in Privathäusern und haben sich nach außen hin vollkommen assimiliert. Der Rest lebt im Tempel unter Bedingungen, die sich von den geschilderten Lebensverhältnissen in Kabul nicht unterscheiden.

In Jalalabad, im Osten des Landes, leben ungefähr 85 Familien in einem ehemaligen Schulgebäude der Hindus und Sikhs, um sich gegenseitig zu unterstützen. Auch hier lebten vor Jahren noch mehrere Tausend Hindus und Sikhs, meist Geschäftsleute.

In Khost, ebenfalls im Osten Afghanistans, lebten einst 400 Hindu-Familien, eine Gemeinschaft von ca. 2400 bis 3000 Menschen. Heute sind es noch ca. 30 Familien, die im Viertel „Kalay-e Hindu“ im Zentrum der Stadt leben. Schulen gibt es dort nicht mehr; die Hindu-Kinder werden nur von ihren Eltern in ihrer Religion unterwiesen und wachsen ansonsten als Analphabeten auf, so dass die wenigen verbliebenen Hindus eine Zukunft in den untersten Bereichen der Gesellschaft erwartet. Auch dort haben sich, ähnlich wie in Kabul, alle in den Tempel zurückgezogen und werden derart bedroht und drangsaliert, dass sie sich bewaffnet haben, um sich notfalls zu verteidigen. Viele von ihnen sind in den letzten Jahren in die Hauptstadt geflüchtet. Man kann davon ausgehen, dass diese Hindu-Gemeinde bald nicht mehr existieren wird.

Allgemein kann man sagen, dass in den Provinzen, wo Regionalherrscher und Kriegsfürsten das Sagen haben, die Lage noch schlimmer als in Kabul ist, so dass sich eine Abschiebung dorthin erst recht verbietet.

Fazit:

Fortgesetzte Verfolgung von Hindus und Sikhs

Im heutigen Afghanistan leben nur noch ca. 1.500 bis 2.000 Hindus und Sikhs. In Kabul sind es nach meinen intensiven Recherchen und Beobachtungen nicht mehr als 1.000 bis 1.300.

Aus dem oben Gesagten geht hervor, dass in der Tat die religiös motivierte Verfolgung von Hindus und Sikhs im heutigen Afghanistan asylrelevante Intensität erreicht. Hindus und Sikhs sind in ihrer Religionsausübung und kulturellen Identität in einem derartigen Ausmaß eingeschränkt, dass ihre Existenz als eigenständige Minderheit akut bedroht ist. Insbesondere muss der häufig getroffenen Einschätzung des Bundesamts widersprochen werden, die Regierung Karsai sei in der Lage oder bereit, Schutz vor nichtstaatlicher Verfolgung zu gewährleisten. An verschiedenen Punkten – keine Zurückerstattung enteigneten Besitzes, Verbot religiöser Zeremonien, Verweigerung der Unterstützung der Gemeinden in ihren Bildungsbestrebungen, Zwangsbekehrungen mit Rückendeckung der staatlichen Justiz usw. – wurde nachgewiesen, dass die Regierung Karsai die Hindu- und Sikh-Minderheit nicht nur nicht schützt, sondern sich aktiv an ihrer Verfolgung beteiligt. Insofern kann man für die Hindu- und Sikh-Minderheit tatsächlich von einer nichtstaatlichen wie einer staatlichen oder zumindest doch staatlich sanktionierten Verfolgung sprechen.

Des Weiteren wurde dargelegt, dass die Bedingungen, unter denen die Hindus und Sikh in ihren ehemaligen Tempeln leben, so katastrophal sind, dass eine Abschiebung in der Tat – so das Kriterium deutscher Gerichte – bedeuten würde, Rückkehrer „gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen [auszuliefern]“.

Besondere Gefährdung für aus Europa heimkehrende Hindus oder Sikhs

Die Hindus hatten traditionell in der afghanischen Gesellschaft, die tief islamisch geprägt ist, mit Diskriminierung wegen ihrer religiösen Zugehörigkeit zu rechnen. Sie gehörten jedoch vor der Machtübernahme der Mujahedin zur Elite des Landes (siehe „Geschichte, Seite 5 ff.). Durch ihre Finanzkraft konnten die Gemeinden ihre kulturelle Eigenständigkeit wahren. Junge Leute erhielten eine moderne Bildung, von der – entsprechend dem religiös bedingt weniger eingeschränkten Frauenbild der Hindus und Sikhs - auch Mädchen und Frauen nicht ausgeschlossen waren. Diese reiche Elite jedoch war es auch, die nach der Machtübernahme der Mujahedin überhaupt die finanzielle Möglichkeit hatte, nach Europa und Amerika zu fliehen. Im Lande verblieben nur die Ärmsten der Armen unter den Hindus und Sikhs, die heute – ohne die Unterstützung ihrer einst reichen Gemeinden – ihre Existenz in den alten Tempeln fristen.

Dadurch, dass sie ihren Besitz verloren und flüchteten, hätten Exilanten aus Europa bei einer Rückkehr zum heutigen Zeitpunkt keinerlei Grundlage, sich eine neue Existenz aufzubauen. Und mehr noch: Nach jahrelangem Aufenthalt in Europa bzw. in Deutschland haben sie sich weiter entwickelt – durch die Erfahrung einer modernen Gesellschaft, die sie in ihrer Religionsausübung nicht behindert, einer freiheitlichen Ordnung. Speziell für die Frauen gilt, dass sie schon im Heimatland freier lebten und erzogen wurden als die muslimischen Afghaninnen; jetzt haben sie eine Gesellschaft erfahren, in der die Frauen gleichberechtigt sind. Beispielsweise haben sie erlebt, was die freie Wahl des Ehepartners bedeutet. Gerade die Frauen haben sich mit Sicherheit durch ihren Aufenthalt im Westen verändert; es wäre ihnen gar nicht mehr möglich, so zu leben wie die Hindu-Frauen unter den jetzt in Afghanistan herrschenden Verhältnissen, die oben ausführlich geschildert wurden. Die psychische Belastung bis hin zur Selbstmordgefährdung ist immens groß.

Auch die Kinder sind in Europa mit moderner Bildung in Kontakt gekommen und mit den Freiheiten aufgewachsen, die ihre hiesigen Altersgenossen genießen. Sie sprechen weder Pashtu noch Dari, die beiden Staatsprachen Afghanistans, und hätten keinerlei Zugang zu Bildung. Die Männer hätten keine Möglichkeit, den Lebensunterhalt für ihre Familien zu verdienen.

Dabei muss außerdem bedacht werden, dass selbst die so genannten Hindu-Gemeinden möglicherweise weder bereit noch in der Lage sind, solche Rückkehrer aufzunehmen. Rückkehrer aus Europa werden pauschal als „reich“ betrachtet, so dass die in Afghanistan in Armut und Elend lebenden Hindus eventuell auch nicht bereit sind, ihre wenige Habe mit ihnen zu teilen. Auch die Möglichkeit der Arbeitssuche für die Männer wird dadurch beschränkt: Schon rein äußerlich und vom Auftreten her wird man sie nicht als „normale“ Bewerber um eine Stelle als Tagelöhner akzeptieren und erst recht nicht bei einer Arbeitslosenzahl von über 80%.

Rückkehrer aus Europa, die nach Afghanistan abgeschoben würden, hätten somit keinerlei Aussicht, sich an die Lebensverhältnisse in den zerstörten Tempelbezirken anzupassen, insbesondere die Frauen und Kinder nicht. Das Folgende mag zynisch klingen und so, als teile man die Afghanen in Menschen erster und zweiter Klasse ein. Fakt ist jedoch, dass diese in Afghanistan verbliebenen Ärmsten der Armen, die seit jeher die auch innerhalb der Hindu- und Sikh-Minderheit vorhandene unterste Schicht der Gesellschaft bildeten, unter den bestehenden Verhältnissen möglicherweise eine prekäre Existenz fristen können, wenngleich ausführlich dargelegt wurde, dass sie ein menschenunwürdiges Leben am Rande des Verhungerns führen. Ein Rückkehrer aus dem Westen jedoch, der sein Leben lang zu einer materiellen und kulturellen Elite gehört hat und selbst als Sozialhilfeempfänger in Europa eine einigermaßen gesicherte Existenz genossen hat, könnte unter solchen Umständen nicht existieren, würde man ihm diesen Lebensbedingungen aussetzen.

Copyright zu diesem Gutachten: Dr. Mostafa Danesch; Verwendung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors